Meinung : „Wir brauchen eine Kultur des Vertrauens“

Ulrich Zawatka-Gerlach

Es wäre ein Wunder, wenn dieser Mann keine Feinde hätte. Schon in den 90er Jahren organisierte Giyasettin Sayan Demonstrationen gegen Skinheads in Berlin-Lichtenberg. Erst vor vier Wochen nahm er im selben Bezirk an einer Aktionswoche gegen Rechtsradikalismus teil. In dem Kiez, in dem er Freitagnacht von zwei unbekannten Männern niedergeschlagen wurde, will er zum vierten Mal seit 1995 für das Abgeordnetenhaus kandidieren – für die Linkspartei/PDS. Bis damals war er 13 Jahre lang aktives Mitglied der Berliner Grünen.

Sayan, 1950 in Haskoy-Mus in Ostanatolien geboren, keine hundert Kilometer von der irakischen Grenze entfernt, ist aber nicht nur ein Aktivist gegen rechts. Als er vor 30 Jahren zum Studium nach Deutschland kam, wurde er ein führendes Mitglied der kurdischen Exilorganisation AKSA und seit Jahren sitzt er im Vorstand der Kurdischen Gemeinde zu Berlin. Öffentlich wies Sayan auf die angeblichen Verbindungen zwischen türkischer Mafia und Militär hin. Er war Wahlbeobachter in der Türkei und wurde anonym bedroht, weil er den Völkermord an den Armeniern in seinem Geburtsland anprangerte.

Mehrfach wandte sich der migrationspolitische Sprecher der PDS gegen das Verbot der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in Deutschland. Zuletzt war er als Interviewpartner begehrt, weil er nach dem Mord an Hatun Sürücü die Hintergründe von Ehrenmorden sachkundig erklären konnte und gemeinsam mit einem Imam gefährdete Familien besuchte, um zu vermitteln und Schlimmes zu verhüten. Wie gesagt: Der Mann muss Feinde haben. Und er hat offenbar Mut. Nach 1990 zog Sayan in das Problemquartier rund um den Bahnhof Lichtenberg, um zu zeigen: Da können auch Migranten wohnen. In einer Parlamentsrede mahnte er: „Die Menschen brauchen Zeit und eine Kultur des Vertrauens für den Prozess der Integration.“ Das gelte für alle Beteiligten.

War es wirklich eine Zufallsbegegnung mit zwei möglicherweise betrunkenen Jungnazis, oder wurde dem Abgeordneten gezielt aufgelauert? Die Polizei weiß es nicht, die Genossen in der PDS halten beides für denkbar. Der Bezirksverband Lichtenberg hat die Nominierung der Wahlkreiskandidaten für die Parlamentswahl vertagt, bis Sayan genesen ist. Er hat durchaus Chancen, als Direktkandidat und auf der Landesliste wieder aufgestellt zu werden. Und zwar nicht, weil er nun ein Opfer ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben