Meinung : Wir brauchen europäische Leitungen

Zur NSA-Affäre um Edward Snowden

Die Diskussion über die Snowden-Affäre hat für Informatiker nur bestätigt, was lange vermutet wurde. Immerhin sind technische Daten über das von der NSA betriebene Datenzentrum im US-Bundesstaat Utah seit einiger Zeit bekannt: Die Speicherkapazitäten zur Aufzeichnung und Archivierung von Internet- und Telefondaten sind bis in die nähere Zukunft ausreichend und können, falls verschlüsselt, wenn noch nicht heute, so doch vielleicht mit vertretbarem technischen Aufwand entschlüsselt werden. Warum sich angesichts der offiziell dementierten Datensammlungspraktiken die Diskussion auf die Aufklärung der Fakten beschränkt, ist schwer nachzuvollziehen, da ein vollständiges Aufdecken der Fakten unwahrscheinlich und nicht im Interesse der Datensammler ist. Was fehlt, ist die Erarbeitung einer konsequenten Antwort im technischen Sinne. Das Internet in Deutschland (und Europa) müsste auf der Datenübertragungsebene so ausgebaut werden, dass von Deutschland/Europa ausgehende Daten garantiert nur über deutsche/europäische Leitungen übertragen werden. Dies erfordert allerdings hohe Investitionen in die Netzinfrastruktur, da auch Adressabfragen betroffen sind (DNS), die z. Z. für das gesamte Netz in den USA ihren Ursprung haben und von dort nach Europa zurückverteilt werden. Es stellt sich die Frage, ob der politische Wille für solch ein Umdenken vorhanden ist. Der Litmustest wäre, ob die Regierung solchen Veränderungen zustimmen würde – oder kein Interesse daran zeigt, da intern die bestehenden Datensammlungspraktiken von Dritten, selbst wenn sie verfassungswidrig sind, geduldet werden, obwohl unklar ist, ob oder zu welchem Anteil diese Daten zur Aufklärung in der Vergangenheit beigetragen haben. Sollte das Internet entsprechend neu strukturiert werden, müssten auch Nutzer umdenken und lokale Dienste, z. B. für E-Mails, nutzen, was eine Chance für die lokale Wirtschaft darstellt.

Frank Müller, Berliner, Informatikprofessor, North Carolina State University

Es ist eine Schande, dass Europa, insbesondere sein westlicher Teil, der sich seit dem Zweiten Weltkrieg die Freiheit des Wortes und der unzensierten Meinung sowie den Schutz der Privatsphäre auf seine Fahnen geschrieben hatte (insbesondere im Gegensatz zu totalitären Überwachungsstaaten), dass ausgerechnet dieser Westen Europas jetzt demjenigen, der unter Einsatz seines Lebens die totale Überwachung der Kommunikation durch die USA aufgedeckt hat, die Einreise und humanitäres Asyl verweigert. Vielleicht, wenn Edward Snowden eines Tages den Friedensnobelpreis erhalten sollte, hat das wohlhabende Norwegen, das durch seinen Öl- und Gasreichtum über eine gewisse Unabhängigkeit von den USA verfügt, die Gelegenheit, die Ablehnung seines Asylantrags wiedergutzumachen.

Martin Taube, Berlin-Charlottenburg

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