Meinung : „Wir brauchen Reichtum, um ihn zu verteilen“

Michael Schmidt

An der Spitze Uruguays wirkt ein Arzt. Tabaré Vázquez ist Onkologe. Beide Eltern und die ältere Schwester starben an Krebs. Seit dem Ende der Militärdiktatur 1984 fühlt der inzwischen 65-Jährige der Gesellschaft am Rio de la Plata auch politisch den Puls. Seine Diagnose ist Besorgnis erregend. Zu sagen, der Patient sei mehr tot als lebendig, entspräche nicht seiner zurückhaltenden, fast öffentlichkeitsscheuen Art. Aber ohne radikale Rosskur, das hat er dem Wahlvolk sehr wohl deutlich gemacht, werde es keine Besserung geben. Das 188 000 Quadratkilometer kleine Land, einst gefeiert als „Schweiz Lateinamerikas“, ist zwar politisch stabil, aber sozial zerrissen. Nachdem sich die argentinische Finanzkrise 2001 zu einer Wirtschaftskrise in Uruguay auswuchs, leidet das Land: unter Auslandsschulden, Arbeitslosigkeit – fast jeder Dritte der 3,4 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze – und der beständigen Auswanderung Hunderttausender junger qualifizierter Arbeitskräfte.

Vor einem Jahr nun schenkten die Bewohner des überwiegend agrarisch strukturierten Landes dem Krebsspezialisten mehrheitlich das Vertrauen und wählten ihn zum Präsidenten. Von ihm und seinem Mitte-Links-Bündnis erwarten sie sich Heilung. Patentrezepte habe er nicht, sagt Vázquez. Aber die Idee einer Therapie. Und die Behandlung hat bereits begonnen. Dazu gehört wirtschaftspolitische Kontinuität. Will sagen: Haushaltsdisziplin und Investitionen in Bildung, Wissenschaft, Technologie. Schon um der Zusammenarbeit mit IWF und Weltbank willen, deren Kredite man braucht. Dazu gehört aber vor allem ein so genannter Notplan zur Bekämpfung der Armut. Mit staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, kostenlosen Ernährungsprogrammen und Gesundheitsversorgung. Grundlage seiner Politik sei die Maxime „Reichtum schaffen“, sagt Vazquez: „Nicht um die Reichen reicher zu machen, sondern um ihn fair zu verteilen.“

Ein für viele Uruguayer wichtiges Thema ist zudem die Aufarbeitung der Vergangenheit. Unter der Militärdikatur kam es zu schweren Verbrechen an Oppositionellen. Gefangene wurden entführt, gefoltert, getötet. Vázqez will klären, wann wo warum und wie die Verbrechen begangen wurden und wo die Leichen blieben. Damit auch diese Wunde geschlossen und die Gesellschaft befriedet werde.

Vázquez übrigens praktiziert nach wie vor als Arzt: Sprechstunde, heißt es, sei immer donnerstags.

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