Meinung : „Wir dürfen unsere Enkel nicht belasten“

Christoph von Marschall

Langsam findet er seine Rolle. Vor viereinhalb Jahren musste Bill Clinton das Weiße Haus an George W. Bush übergeben. Ein Buch hat er seither geschrieben, viele einträgliche Vorträge gehalten und mancher Charity-Veranstaltung zu Glanz und hohen Spenden verholfen. Doch als „Elder Statesman“, als erfahrener Staatsmann wie Jimmy Carter, der zum Beispiel als Krisenmanager in alle Welt geschickt wird, hat sich Clinton nicht etablieren können. Ja, auch die Gesundheit machte ihm zu schaffen, zwang ihn lange ins Krankenhaus.

Doch plötzlich ist er wieder da. Und er setzt einen Gegenton zur PR-Maschine seines Nachfolgers im Weißen Haus. Geschickt macht er das, lässt sich von Bush für nationale Ziele einspannen, um dann hörbar andere Akzente zu setzen. Zum Beispiel bei der Hilfe für die Opfer des Hurrikans „Katrina“. Oder mit seiner „Global Initiative“ für Entwicklungshilfe und Umweltschutz. 1,25 Milliarden Dollar hat er jetzt bei einer dreitägigen Konferenz in New York zusammengetragen. Jeder Gast musste 15000 Dollar Teilnahmegebühr zahlen und ein Projekt zur Lösung globaler Probleme vorstellen. Wir dürften kommende Generationen nicht vergessen, mahnte Clinton. „Wir sind arrogant, weil wir von der Gegenwart besessen sind.“ Welch ein Kontrast zu Bushs Klimapolitik.

Subtiler agiert Clinton bei der Hurrikan-Hilfe. Bush junior hat seinen Vater und ihn gebeten, die nationale Spendensammlung zu leiten, um deren Überparteilichkeit zu betonen. Clinton zeigt seither, wie man beiläufig kritisiert, ohne auf Konfrontationskurs zu gehen. Er sei froh, dass Bush selbst zugegeben habe, wie wenig die zentrale Katastrophenhilfe Fema funktioniert, kommentierte er dessen ersten Besuch an der Küste. Als das 62-Milliarden-Dollar-Hilfspaket vom Kongress abgesegnet und Fragen laut wurden, wie man das finanziere, sagte Clinton in einer viel beachteten Talkshow, es sei nicht verantwortbar, die Kinder und Enkel mit Milliardenschulden für den Irakkrieg und die Fluthilfe zu belasten.

Radikale Alternativen zu Bush lehnt Clinton ab. Den Vorwurf, die späte Hilfe für die schwarzen Opfer in New Orleans offenbare Rassismus, weist er zurück. Ebenso Forderungen nach einem raschen Rückzug aus dem Irak. Zugleich zeigt er Distanz zu Bush. Einen Katastrophenschutz, der im Ergebnis nur der weißen Mittel- und Oberschicht nutze, könne man nicht als nationales Rettungssystem bezeichnen.

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