Meinung : „Wir halten es nicht aus, wegzusehen“

Tanja Buntrock

Das erste Mal war der Anblick eines solchen Kinderzimmers für sie noch ein Schock: Ein kotbeschmierter Teppich, dazu Kot in einer herausgezogenen Schublade eines Schranks, eine völlig verdreckte Matratze, ein Stück Pappe als Vorhang am Fenster. Es stank erbärmlich. Hier hatten zwei Kinder gelebt. Eines von ihnen, der damals zweieinhalb Jahre alte Patrick, war nun tot. Die Eltern hatten ihn verhungern lassen. Das war 1985, und der erste große Fall der Berliner Hauptkommissarin Gina Graichen, 50.

Seit über 20 Jahren arbeitet die Kriminalbeamtin im Dezernat „Delikte an Schutzbefohlenen“ des Landeskriminalamtes. Jeden Tag gräbt sie sich mit den 22 Mitarbeitern des bundesweit einzigen Dezernates, das sich auf Kindesmisshandlung und -vernachlässigung spezialisiert hat, durch den seelischen Müll von Menschen, denen der eigene Nachwuchs gleichgültig oder gar zuwider ist. Kinder, die von ihren Eltern getreten, vernachlässigt, totgeschlagen worden sind: Jeder „Fall“ ist in einer dicken Polizeiakte dokumentiert. Für ihren Kampf gegen die Kindesmisshandlungen wird Gina Graichen heute als „Frau des Jahres 2005“ mit dem „Prix Courage“ vom ZDF-Frauenmagazin „Mona Lisa“ ausgezeichnet. Er ist mit 10 000 Euro dotiert. Die Polizistin will das Geld dem Kindernotdienst spenden.

Gina Graichen, selbst Mutter von zwei Mädchen, ist eine freundliche Frau mit dunkler Stimme, Dauerwelle und einer großflächigen Brille. 1978, nach der Ausbildung bei der Polizei, fing sie als eine der ersten Frauen bei einer Spezialeinheit an: dem Mobilen Einsatzkommando (MEK). Das bedeutete stundenlange Observationen, um die „Zielperson“ dann im richtigen Moment festzunehmen. Nach fünf Jahren wechselte sie in den Bereich, den einige Kollegen damals noch verächtlich „Kinderkacke“ nannten.

Gina Graichen blieb. Im vergangenen Jahr wurde in mehr als 780 Fällen von Kindesmisshandlung und -verwahrlosung ermittelt. Gina Graichen sagt, in Berlin würden nicht mehr als sonst wo in der Bundesrepublik Kinder misshandelt. Die Polizeiarbeit habe aber bewirkt, dass es ein Umdenken in der Bevölkerung gibt: So würden mehr Fälle angezeigt. Mit dazu beigetragen hat wohl auch eine groß angelegte Plakatkampagne, die Graichen mit ins Leben gerufen hatte – mit völlig verdreckten Kindern in einer vermüllten Wohnung und dem Spruch: „Ihr Anruf kann entscheidend für das Leben eines Kindes sein.“

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