Meinung : Wir können auch anders

Ossis und Wessis sind sich verdammt ähnlich

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Von Katrin GöringEckardt Da sind sie wieder. Kaum sind Wahlen in Aussicht, entdeckt die Nation sie neu: ihre Ostdeutschen. Und jeder liefert uns seine persönliche Lieblingsinterpretation des Ossis mit. Der eine entdeckt die Zwangsproletarisierten, der andere die Frustrierten, der nächste die Versorgungsmentalität. Im Osten würde nur geklagt, heißt es, man könne sich nicht an Neues gewöhnen und blicke nostalgisch auf die Vergangenheit. So weit, so alt.

Als meist fröhliche Thüringerin mit ein wenig humanistischer Bildung (soweit die DDR das zuließ) fällt es schwer, da gelassen zu bleiben. Aber haben die Ostdeutschen nicht selber Schuld? Wann kann man als Ossi denn wenigstens ein bisschen auffallen? Mit extremen Wahlverhalten wie in Sachsen! Mit Demonstrationen gegen Sozialgesetze! Mit Schimpftiraden gen West! Und vielleicht noch als Exbürgerrechtlerin, die sich von ihrer Partei weggemobbt fühlt, wie Vera Lengsfeld. Wer nicht gehört wird, verschafft sich Gehör.

Warum ist es so verdammt schwer zusammenzukommen – 15 Jahre nach dem Mauerfall? Auf dem Dorf dauert es meist drei Generationen, bis aus Zugezogenen Einheimische werden. Sollen wir so lange auch mit der deutschen Einheit warten? Und wo sind eigentlich die anderen Ostdeutschen? Gibt es sie überhaupt?

Aber ja doch. Es ist eine gesamtdeutsche Generation, die kaum auffällt. Es sind Anpasser, im besten Sinne des Wortes. Sie kommen vorwärts und können über die Musik der 70er und 80er mitreden, als wären sie selbst dabei gewesen. Sie sprechen viel seltener sächsisch als ihre Freunde schwäbisch und reden überhaupt nur von ihrer Herkunft, wenn sie ausdrücklich gefragt werden. Viele davon gehören zu jenen 250000 Menschen, die in den letzten Jahren von Ost nach West zogen und dort zu den wirtschaftlichen Erfolgen ihrer neuen Arbeitgeber beigetragen haben. Und wohl auch dazu, dass wir über Kinderbetreuung nicht mehr ideologisch diskutieren müssen und dass arbeitende Mütter keine Rabenmütter sind.

Und worüber klagen die, wenn sie unter sich sind? Über die Jammerei der Westdeutschen, über deren Besitzstandswahrung und dass sie nicht bereit sind, sich auf Neues einzustellen. Die Parallele ist erstaunlich.

Könnte es sein, dass es einfach nur bequem ist, in schwierigen Zeiten einen Schuldigen zu haben? Immerhin: Die Ostdeutschen haben es geschafft, einen kompletten Systemwechsel zu überstehen. Und das mussten alle: die Flexiblen und Intelligenten wie die Bildungsfernen und Schwächeren. Außerdem waren nicht sie es, die die Einheit über die Sozialsysteme finanzieren wollten. Die katastrophale Entwicklung bei der Rente und Krankenversicherung begann mit dem Nichthandeln von Blüm und Kohl, aber auch mit dem Unterstützen von Illusionen durch Lafontaine, Dreßler und ihren Sekundanten in der SPD – bis hin zu dem Schröder von 1998. Darüber nicht zu reden, ist für alle fatal. Unerträglich aber ist es, Ex-DDR-Bewohner zu potenziellen Mörderinnen zu stempeln.

Jena und Nordfriesland, Freiberg und Worms: Nicht auf Ost oder West kommt es an, sondern auf die Erkenntnis, dass vom Alten nicht alles bleiben kann und das Neue nur gemeinsam entsteht. Wie beim Fußball, so ist beides wichtig – herausragende Einzelleistungen und ein gutes Mannschaftsspiel. Das sollte in Stadien ebenso bejubelt werden wie in der Politik. Wer weiß? Vielleicht dämmert es am Ende sogar der CSU und Edmund Stoiber, dass ein Großteil des Erfolgs von Bayern (München) einem Ossi zu verdanken ist – dem Sachsen Ballack.

Die Autorin ist Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.

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