Meinung : „Wir schauen nach Berlin“

Thomas Roser

Bis zuletzt hatte die stellvertretende Vorsitzende Polens rechtsliberaler Oppositionspartei PO um den größten Erfolg ihrer politischen Karriere bangen müssen. Entgegen den letzten Umfragen konnte Hanna Gronkiewicz-Waltz die „Schlacht um Warschau“ im zweiten Wahlgang aber doch noch für sich entscheiden: Mit der früheren Nationalbank-Chefin zieht erstmals eine Frau als Stadtpräsident in das Rathaus der Hauptstadt ein.

„Bravo – Hanka ist die erste Warschauerin!“, freute sich zu Wochenbeginn das Boulevardblatt „Super-Express“. Die neue Bürgermeisterin sei eine „eiserne Dame – mit goldenem Herzen“ zollte PO-Chef Donald Tusk seiner Parteifreundin Respekt. Tatsächlich ist die 54-jährige Großmutter ihren Landsleuten vor allem als kompromisslose Währungshüterin bekannt. Von 1992 bis 2000 war die Juristin Präsidentin der Nationalbank. Ihre Erfolge bei der Bekämpfung der Inflation fanden auch internationale Anerkennung. 2001 wurde die frühere Solidarnosc-Aktivistin als erste Osteuropäerin zur stellvertretenden Chefin der Europäischen Entwicklungsbank in London ernannt.

Bei den Präsidentschaftswahlen 1995 hatte sich die gläubige Katholikin für ein christdemokratisches Wahlbündnis vergeblich um das Amt des Staatschefs bemüht. Erst nach ihrer Rückkehr aus London 2004 begann sich die bis dahin parteilose Finanzfachfrau in der PO zu engagieren. Bei den Parlamentswahlen 2005 wurde sie erstmals in den Sejm gewählt. Neue Weichselbrücken, die Verbesserung des Nahverkehrs, den Bau eines Autobahnrings und eines Stadions kündigte die gebürtige Warschauerin im Falle eines Sieges an. Ansonsten hielt sie sich mit Wahlversprechen eher zurück: Eisern will die einstige Hüterin des Zloty nun auch über die Stadtfinanzen wachen.

Die Teilgemeinden der Hauptstadt sollten wieder mehr Einfluss erhalten, kündigte die Frau mit dem Bubischopf nach ihrem Wahlsieg die Dezentralisierung der Verwaltung an. Intensivieren will sie die von ihren Vorgängern vernachlässigten Kontakte zu den Partnerstädten Berlin und Paris. Deutschland sei für Polen nicht nur ein wichtiger Handels-, sondern auch ein geschätzter EU-Partner, beteuert sie – und wundert sich, dass vier Jahre lang kein Warschauer Oberbürgermeister mehr in Berlin zu Besuch war: „Wenn wir als Hauptstadt Einfluss auf die Gestalt der EU haben wollen, müssen wir im Gespräch mit unseren wichtigsten Partnern bleiben.“

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