Meinung : Wir sind alle Agenten

Die Überwachungsgesellschaft vollendet sich dort, wo ihre Bewohner sich nicht durch äußeren Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis heraus entblößen.

Byung-Chul Han

Wir bieten Ihnen einen 360-Grad- Blick auf Ihre Kunden.“ Mit diesem Slogan wirbt das amerikanische Big-Data-Unternehmen Acxiom um Aufträge. Acxiom ist eine der Daten-Firmen, die sich heute explosionsartig vermehren. Acxiom unterhält eine gewaltige Daten-Lagerhalle mit Zigtausenden von Servern. Der Firmensitz im US-Bundesstaat Arkansas wird wie ein Geheimdienstgebäude abgeriegelt und überwacht. Das Unternehmen besitzt persönliche Daten über rund 300 Millionen US-Bürger, also über beinahe alle. Offenbar weiß Acxiom sogar mehr über die US-Bürger als FBI oder IRS (die US-Steuerbehörde). Auch in Europa sammelt die Firma Daten, zum Beispiel besitzt sie Informationen über mehr als 40 Millionen Deutsche.

Die ökonomische Seite der Ausspähung ist inzwischen schwer abzugrenzen von deren geheimdienstlicher Nutzung. Was Acxiom tut, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Tätigkeit eines Geheimdienstes. Offenbar arbeitet Acxiom sogar effizienter als die US-Dienste. Im Zusammenhang mit der Aufklärung der Terroranschläge vom 11. September 2001 lieferte Acxiom personale Daten über 11 Verdächtige an die Behörden. Der Überwachungsmarkt im demokratischen Staat kommt dem digitalen Überwachungsstaat gefährlich nahe – diese Nachbarschaft ist beunruhigend.

Der „360 degree view“ erinnert dabei an das Bentham’sche Panoptikum. In der Mitte des Panoptikums steht ein Kontrollturm, um den herum kreisförmig Zellen angeordnet sind. Der Blick des Aufsehers, des sogenannten Big Brother, erreicht zwar jeden Winkel der Zelle, doch er kann die Insassen nur äußerlich beobachten. Ihre Gedanken bleiben ihm verborgen. So bietet die Überwachung keinen wirklichen 360-Grad-Blick auf die Insassen. Sie gewährt keinen Blick in ihr Inneres. Die Insassen des Bentham’schen Panoptikums kommunizieren auch nicht miteinander.

Die heutige Überwachungsgesellschaft dagegen weist eine ganz andere panoptische Struktur auf: Im Gegensatz zu den voneinander isolierten Insassen des Bentham’schen Panoptikums vernetzen sich die Bewohner des digitalen Panoptikums und kommunizieren intensiv miteinander. Nicht die Einsamkeit durch Isolierung, sondern die Hyperkommunikation garantiert die Effizienz der Überwachung.

Während sich die Insassen des Bentham’schen Panoptikums der permanenten Präsenz des Aufsehers bewusst sind und sich auch entsprechend verhalten, wähnen sich die Bewohner des digitalen Panoptikums in Freiheit. Die Überwachungsgesellschaft vollendet sich dort, wo sich ihre Bewohner nicht durch einen äußeren Zwang, sondern aus innerem Bedürfnis heraus entblößen.

Überwachung und Kontrolle sind ein inhärenter Teil der digitalen Kommunikation. Im digitalen Panoptikum verschwimmt die Unterscheidung zwischen dem Big Brother und dem Insassen immer mehr, denn hier beobachtet und überwacht jeder jeden. Nicht nur staatliche Geheimdienste spähen uns aus. Auch Unternehmen wie Facebook oder Google arbeiten wie Geheimdienste. Sie leuchten unsere Kommunikation aus, um aus den Informationen Kapital zu schlagen. Firmen spähen ihre Angestellten aus. Banken durchleuchten potenzielle Kreditkunden. Der Werbeslogan der Schufa („Wir schaffen Vertrauen“) ist reiner Zynismus. In Wirklichkeit schafft sie das Vertrauen komplett ab und ersetzt es vollständig durch Kontrolle und Überwachung.

Heute verhalten wir uns alle wie ein Geheimdienstler. Wir googeln uns gegenseitig und kommen oft in Versuchung, bestimmte Personen auszuspähen. Die Überwachungssoftware des US-Rüstungskonzerns Raytheon, „Riot“ (Rapid Information Overlay Technology), auch „Google für Spione“ genannt, erstellt sowohl Bewegungsprofile als auch Prognosen über das zukünftige Verhalten der Zielperson, indem sie unter anderem Daten aus sozialen Netzwerken auswertet, zum Beispiel Facebook-Fotos mit Meta-Tags, die darauf hinweisen, wo sie gemacht wurden. Mit ein paar Klicks wird das ganze Privatleben der Zielperson auf dem Bildschirm ausgebreitet. Man erhält Informationen darüber, wo sie sich wann gewöhnlich aufhält und wo sie sich wann mit hoher Wahrscheinlichkeit in Zukunft aufhalten wird.

Heute üben wir alle die Tätigkeit aus, die eigentlich die eines Geheimdienstes ist. Nicht nur Acxiom oder die US-Behörde NSA, sondern jeder von uns ist ein rücksichtsloser Informationsjäger. Die Überwachung und die gegenseitige Durchleuchtung werden immer alltäglicher und selbstverständlicher. Die iPhone-App „Girls Around Me“ führt öffentlich zugängliche Daten von Foursquare, Google Maps und Facebook zusammen und zeigt an, wo in der Nähe welche Frau unterwegs ist und was deren Facebook-Profil alles über die Person verrät. Die Startseite der App zeigt auf einer Art Radarschirm Silhouetten von Frauen in aufreizender Pose.

„Creepy“ heißt ein Open-Source-Programm, das in der Lage ist, Geodaten von Fotos in sozialen Netzen auszulesen und sie auf einer Karte anzuzeigen. Das Programm kann dadurch die Bewegungen einer Zielperson verfolgen. Wer heute eine Person ausspionieren will, hat es sehr leicht. Legal erhältlich sind Handyüberwachungssoftwares. Man installiert das Programm auf dem Handy der Zielperson. Für die Installation sind gerade mal ein paar Minuten nötig. Das manipulierte Handy ruft dann bei jedem Anruf gleichzeitig das Handy des Spähers an, so dass er das Gespräch mithören kann. Das Programm schneidet auch E-Mails mit. SMS können mitgelesen werden. Mit einer Ortungssoftware ist es möglich, herauszufinden, wo sich die Zielperson gerade befindet. Man kann das manipulierte Handy vor allem als Wanze benutzen. Man ruft einfach die Zielperson an und hört alles mit, was in dem Raum passiert, wo sie sich befindet.

In einer Welt, die ein Panoptikum geworden ist, entwickelt sich das Ausspähen zu einem allgemeinen Habitus, ja zu einer Selbstverständlichkeit. Nicht zuletzt auf diesen Gewöhnungseffekt geht es zurück, dass der NSA-Überwachungsskandal niemanden wirklich erschüttert. Zur geplanten Großdemonstration gegen den NSA-Skandal am 4. Juli in Washington kamen gerade mal einige hundert Menschen. Auch hierzulande löst der NSA-Skandal offenbar keinen Sturm der Entrüstung aus. Menschen gehen nicht zu Tausenden auf die Straße. Auch der Protest von Politikern wirkt merkwürdig hilflos und scheinheilig.

Im digitalen Panoptikum ist kein Vertrauen möglich, ja gar nicht erst notwendig. Das Vertrauen ist ein Glaubensakt, der obsolet wird angesichts den verfügbaren Informationen. Die Informationsgesellschaft diskreditiert jeden Glauben und jedes Vertrauen. Das Vertrauen macht Beziehungen zu anderen schließlich auch ohne genauere Kenntnisse über diese möglich. Die Möglichkeit einer leichten und schnellen Informationsbeschaffung ist dem Vertrauen dabei abträglich. Die heutige Krise des Vertrauens ist, so gesehen, auch medial bedingt.

Die digitale Vernetzung erleichtert die Informationsbeschaffung dermaßen, dass das Vertrauen als soziale Praxis immer mehr an Bedeutung verliert. Es weicht der Kontrolle. So hat die Transparenzgesellschaft eine strukturelle Nähe zur Kontroll- und Überwachungsgesellschaft. Wo Informationen sehr leicht und schnell zu beschaffen sind, schaltet das soziale System vom Vertrauen auf Kontrolle und Transparenz um. Es folgt der Effizienzlogik.

Im digitalen Panoptikum ist jeder Täter und Opfer zugleich. Wir protestieren nicht gegen die Geheimdienste, weil wir selbst alle ein Geheimdienst sind. Es besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen einer Person, die jemanden googelt oder observiert und einem Geheimdienst. Der Übergang von der Transparenzgesellschaft zur Kontroll- und Überwachungsgesellschaft ist ein konsequenter, ja fast ein logischer Schritt. Er folgt der Logik des digitalen Mediums. Die Freiheit, die die digitale Kommunikation uns versprach, schlägt nun in Kontrolle um. Die Überwachung ist in der Welt als digitalem Panoptikum ein Normal- und kein Ausnahmezustand.

„Sousveillance“ heißt die Gegenbewegung gegen die staatliche Überwachung. Den Begriff erfand Steve Mann, einer der Erfinder des tragbaren Computers. „Sousveillance“ bedeutet „Überwachung von unten“. Sie soll ein Gegengewicht gegen die Überwachung von oben bilden. Bei der „Sousveillance“ richtet man die Kameras auf Institutionen, überwacht ihr Verhalten und macht Fehlgriffe sichtbar. Das Oben überwacht das Unten. Das Unten überwacht das Oben. Jeder liefert jeden der Sichtbarkeit und Kontrolle aus, und zwar bis in die Privatsphäre hinein. Jeder kontrolliert jeden. Diese Totalüberwachung degradiert die Transparenzgesellschaft zu einer inhumanen Kontrollgesellschaft.

Doch „Sousveillance“ stellt keine Lösung dar. Sie besiegelt die Überwachungsgesellschaft, in der kein gegenseitiges Vertrauen mehr möglich ist. Sie ist nicht einmal eine neue Idee. Angesichts des unaufhaltsamen Fortschritts der Überwachungstechnik hatte der Futurist David Brin schon in den 90er Jahren eine Überwachung aller durch alle, also eine Demokratisierung der Überwachung gefordert. „Transparent Society“ nennt er diese Überwachungsgesellschaft.

Das Internet der Dinge vollendet die Kontrollgesellschaft. Dinge, die uns umgeben, durchleuchten uns. Überwacht werden wir nun auch von den Dingen. Sie senden pausenlos Informationen über unser Tun und Lassen. Es ist durchaus denkbar, dass die elektronische Zahnbürste mit eigener IP-Adresse Informationen über unsere Zahnhygiene sendet, dass mein Kühlschrank selbstständig Informationen über meine Ernährungsgewohnheiten generiert und sie weiterleitet.

Wer die Spielekonsole „XBox One“ von Microsoft kauft, holt eine Überwachungskamera ins Haus. Die in das Gerät eingebaute Kamera, die meine Bewegungsabläufe registriert, ist sogar im Standby-Modus aktiv. Sie beobachtet also 24 Stunden lang den Raum, in dem sich das Gerät befindet. Sie erfasst die Lernfähigkeit und das Reaktionsvermögen des Spielers und sendet all diese Informationen auf den Server des Konzerns. Selbst während wir spielen, werden wir überwacht.

„Google Glass“ verspricht uns eine grenzenlose Freiheit. Gerade diese Datenbrille macht es möglich, dass wir von Fremden permanent fotografiert und gefilmt werden. Mit der Datenbrille trägt jeder praktisch eine Überwachungskamera mit sich. Ja, die Datenbrille verwandelt das menschliche Auge selbst in eine Überwachungskamera. Das Sehen fällt gänzlich mit der Überwachung und Kontrolle zusammen. Jeder überwacht jeden. Jeder ist Big Brother und Insasse zugleich. Das ist die digitale Vollendung des Bentham’schen Panoptikums.

Die Privatsphäre ist, medientheoretisch gesehen, jene Sphäre von Raum und Zeit, wo ich kein Bild, kein Objekt bin. So haben wir heute keine Privatsphäre mehr, denn es gibt keine Sphäre, wo ich kein Bild wäre, wo es keine Kamera gäbe. Dank Google Glass macht das Auge selbst Bilder. Das Sehen fällt mit dem Bild zusammen. Das ist das Ende der Privatsphäre.

Heute entwickelt sich der ganze Globus, das digitale Global Village, zu einem Panoptikum. Gerade das ist beunruhigend – und nicht so sehr der NSA-Abhörskandal. Es gibt kein „Außerhalb des Panoptikums“. Es wird total. Google und die sozialen Netzwerke, die sich als Räume der Freiheit und grenzenlosen Kommunikation präsentieren, sind gleichzeitig digitale Panoptiken. Heute vollzieht sich die Überwachung nicht, wie man gewöhnlich annimmt, als Angriff auf die Freiheit. Man liefert sich vielmehr freiwillig dem panoptischen Blick aus. Man baut geflissentlich mit am digitalen Panoptikum, indem man sich entblößt und ausstellt. Der Insasse des digitalen Panoptikums ist Täter und Opfer zugleich. Die Freiheit erweist sich als Kontrolle.

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