Meinung : Wir sind Karfreitag

Die Deutschen jammern gern – und haben dabei das Osterlachen vergessen

Claudia Keller

Die türkische Freundin wandert aus: von Berlin nach Izmir. Als Kind war sie mit ihren Eltern hierhergekommen, hat Deutsch gelernt, geheiratet, eine Boutique am Kurfürstendamm eröffnet. Sie hat sich eingelebt – und doch keine Wurzeln geschlagen. Denn die Sehnsucht nach einem anderen Lebensgefühl, nach mehr Gelassenheit, Lockerheit und Lebensfreude hat immer an ihr gezogen, und die zieht sie nun weg.

Was das mit Ostern zu tun hat? Viel. Denn wir Christen, besonders wir deutschen, haben uns so sehr an den Gedanken gewöhnt, dass Freude nicht zu haben ist ohne Schmerz, Erfolg nicht ohne Leistung, der Ostersonntag nicht ohne Karfreitag, dass wir es manchmal übertreiben mit dem Leiden und Leisten.

Hätte Jesus nicht als Graubart sanft einschlafen können? Nein, er musste bestialisch am Kreuz enden. Das hatte seinen Sinn. Gott wollte uns seinen Sohn nicht als nette Geste schenken wie ein Schokohäschen für zwei Euro fünfzig. Er hat uns seinen Sohn geopfert, damit er unseren Schmerz durchleidet, ihn auf sich nimmt und uns so davon erlöst. Das Kreuz als Symbol des Leidens ist ja auch die große Stärke des christlichen Glaubens. Wer Christ ist, muss nicht immer stark und erfolgreich sein. Auch wenn wir leiden, schwach sind und klagen, liebt uns Gott.

In den vergangenen Jahren hatten wir Deutschen Grund, zu jammern und zu klagen. Die Wirtschaft lahmte, die Arbeitslosigkeit stieg, wir mussten einsehen, dass weder unsere Schulen noch die Universitäten weltweit vorne liegen. Aber es verändert sich viel. Die Wirtschaft zieht an, die Arbeitslosigkeit sinkt. Dennoch reiben wir uns erstaunt die Augen, wenn ausländische Investoren an die Wirtschaftskraft Berlins glauben – und klagen einfach weiter. Wir haben es uns im Karfreitag bequem gemacht. Dabei ist mittlerweile Ostersamstag und der Sonntag steht vor der Tür. Verjammern wir den Aufbruch?

In der katholischen Kirche gab es früher den Brauch des Osterlachens. Der Pfarrer hatte die Aufgabe, die Gemeinde im Ostergottesdienst zum Lachen zu bringen. Jesus war auferstanden, Schmerz und Tod hatten nicht das letzte Wort behalten. Der Teufel hatte sich verhoben. Grund genug, den Teufel auszulachen. Wir sind erlöst!

Den Protestanten war der Brauch zu unernst, die Katholiken verboten das Osterlachen im 19. Jahrhundert. Schade. Wenigstens an einem Tag im Jahr könnten wir auf Leistungsbereitschaft, Zweckdenken, Erfolgsdruck pfeifen, entspannen, das Leben genießen, so unvollkommen es ist. Der Welt zeigen, dass Christ sein mehr ist als eine Handvoll besorgter Gesichter, die sich um den Schmerzensmann versammeln. Lachen kann ansteckend sein.

Vergangenes Jahr bei der Fußball-Weltmeisterschaft konnten wir beobachten, wie sehr. Mehr solcher Lockerungsübungen – und die türkische Freundin würde hierbleiben. Mehr solcher Lockerheit – und die Anstrengung danach würde leichter fallen. Denn der Dienstag nach Ostern kommt früh genug.

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