Meinung : Wir sind so frei

Die Regierung beschließt eine Volkszählung – und alle machen mit

Dagmar Rosenfeld

Stell Dir vor, es ist Volkszählung – und alle gehen hin. Gelassen, fast gleichgültig sind die Reaktionen darauf, dass die Bundesregierung 2010 eine Volkszählung durchführen will, um die Basisdaten in Deutschland neu zu erfassen. Kein Protest von denen, die gezählt werden sollen. Vergessen die 80er, als die Deutschen eine solche Ankündigung noch auf die Straße trieb, als sie mobil machten zum Volkszählungsboykott, liebevoll Vobo genannt.

Es scheint, als ob es die meisten Menschen heute nicht mehr stört, persönliche Daten preiszugeben. Nicht, weil sie dem Staat mehr vertrauen als noch vor 20 Jahren, sondern weil es kaum noch Dinge gibt, die wirklich privat sind. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, damals das Schlagwort gegen die Volkszählung, hat sich längst ins Gegenteil verkehrt – in den Medien werden wir mit Privatdingen und intimen Geständnissen überschüttet, ja geradezu belästigt.

Heute ist es so, dass die meisten mit „Big Brother“ eher RTL 2 als George Orwell in Verbindung bringen. Was für Orwell in „1984“ noch Science-Fiction war, das hat der Fernsehsender wahr gemacht – Menschen in einen Container gesperrt und rund um die Uhr mit Kameras überwacht. Das Publikum hat daheim auf der Couch gesessen und lüstern zugeschaut. Nicht nur, dass die Zlatkos und Jürgens ganz freiwillig in den Container gegangen sind, um sich begaffen zu lassen. Sie sind auch noch zu Helden geworden dafür, dass wir ihnen beim Essen, Duschen und Sex zuschauen durften. Die anfängliche Faszination ist vorbei, längst finden wir nichts mehr dabei, Einblick in das Intimleben anderer nehmen zu können, es langweilt eher. So wurde „Big Brother – das Dorf“, die Steigerung vom Container, eingestellt. Und auch die nachmittäglichen Talkshows, in denen sich die Gäste an Lügendetektoren anschließen lassen oder in denen die Ergebnisse von Vaterschaftstests samt der zugehörigen Bettgeschichten präsentiert werden, sind Normalität in Deutschland.

Was also gibt es noch zu verbergen, wenn wir unsere intimsten Angelegenheiten öffentlich zur Schau stellen? Wenn wir bei Gewinnspielen, ganz ohne Zwang, Telefonnummer, Geburtsdatum und Hobbys angeben? Wenn wir unsere biometrischen Daten auf Reisepässen verewigen lassen? Wenn wir eine verstärkte Videoüberwachung an Bahnhöfen wollen, weil wir uns dann sicherer fühlen? Wenn mehr als fünf Millionen Arbeitslosengeld-II-Empfänger sogar Auskunft über den Inhalt ihrer Schmuckschatulle geben müssen und darüber, was für ein Auto in ihrer Garage steht?

Mal ehrlich, da sind die paar Dinge, die der Staat über unsere Lebensumstände erfahren will, wirklich nicht der Rede wert. Vielleicht sollte das Aufgabenfeld des Datenschutzbeauftragten erweitert werden. Anstatt Daten zu schützen, könnte er uns beschützen, vor all den intimen Geschichten und Informationen, die die Menschen meinen, in die Öffentlichkeit tragen zu müssen. Bestimmt würden wir uns dann noch viel lieber zählen lassen.

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