Wir und die Bombe : Von Pjöngjang bis Islamabad

Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo auf der Welt eine Atomwaffe eingesetzt wird, hat dramatisch zugenommen. Wie wir mit und trotz der Bombe überleben: Das bleibt die brennendste sicherheitspolitische Frage der Menschheit. Am bedrohlichsten ist die Lage in Pakistan.

Malte Lehming

Vor zwanzig Jahren, als die Mauer noch stand, drohte das Ende der Welt durch einen nuklear geführten Weltkrieg der beiden Supermächte. Die Wahrscheinlichkeit war gering, denn die Abschreckung funktionierte auch deshalb, weil sie auf der Rationalität der eigenen Selbsterhaltung fußte. Zwanzig Jahre später droht zwar nicht mehr das Ende der Welt, dafür aber hat die Wahrscheinlichkeit dramatisch zugenommen, dass irgendwo eine Atomwaffe eingesetzt wird. Die Weiterverbreitung dieser Waffen durch Wissens- und Technologietransfer ist im Zeitalter des Internets und kleinteilig zerlegbarer Systeme kaum zu stoppen. Verstärkt wird die Gefahr durch staatliche Instabilität (Pakistan), den Ehrgeiz von Terrororganisationen (Taliban, Al Qaida) oder den Furor ideologisch motivierter Regime (Iran). Wie wir mit und trotz der Bombe überleben: Das bleibt die brennendste sicherheitspolitische Frage der Menschheit.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Il hat jetzt mit kaltem Kalkül bewiesen, dass sein verarmtes Land eine Atommacht ist. Der unterirdische Test hatte in etwa Hiroshima-Intensität. Und wie immer, wenn der Fuchs seine Zähne zeigt, geraten die Hühner in helle Aufregung. Die Reaktionen reichen von „tief besorgt“ über „alarmiert“ bis „scharf verurteilt“. Der UN-Sicherheitsrat kommt zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, Sanktionen sollen verschärft, der Druck soll erhöht werden. Das klingt entschlossen. Die Sache hat bloß einen Haken: Die Hühner brüllen zwar wie Löwen, bleiben aber Hühner. Die Machthaber in Pjöngjang beeindrucken sie nicht. Als Atommacht hat sich Nordkorea unangreifbar gemacht.

Zwei Lehren hält das Beispiel bereit. Erstens: Wirtschaftssanktionen und Isolierungsstrategien sind in ihrer Wirkung begrenzt. Gegenüber Nordkorea wurde alles versucht, das gesamte Arsenal unterhalb einer militärischen Invasion kam zum Einsatz. Sanktionen, Aufhebung von Sanktionen, Einbindung, Sechsergespräche, Aufwertung durch Bill Clinton, Abwertung durch George W. Bush („Achse des Bösen“), UN-Resolutionen, Unilateralismus, Multilateralismus, humanitäre, wirtschaftliche und technologische Hilfsangebote – nichts hat genützt. Am Ende lachte Kim. Mit Blick auf den Iran kann die Warnung nur lauten: Man hüte sich vor übertriebenen Hoffnungen durch eine Sanktionspolitik! Von Kuba bis Birma, Simbabwe bis Sudan hat sich noch nie eine Diktatur mittels wirtschaftlicher Repressalien in die Knie zwingen lassen. Südafrika muss heute als Ausnahme gelten, die die Regel bestätigt.

Zweitens: Wenn ein Land die Bombe hat, wird es sie ohne Rücksicht auf Verluste behalten wollen, aller Aktionismus kommt dann zu spät. Die Bombe verleiht Macht, gebietet Respekt, flößt Angst ein, ermöglicht Erpressungen. Sie ist in der realen Welt, was der Zaubertrank für Asterix und Co. – jenes Wunder, das alle konventionellen Kräfteverhältnisse auf den Kopf stellt. Das macht sie so begehrt wie gefährlich. Auch diese Lektion ernüchtert beim Blick auf den Iran. Teherans Atomprogramm begann nicht mit Mahmud Ahmadinedschad, sondern unter der Ägide vermeintlich moderater Kräfte wie Akbar Hashemi Rafsandschani und Muhammed Khatami. Das Land ist vereint in seinem Streben nach der Nukleartechnologie. Wer glaubt, das werde sich durch Wahlen ändern, irrt.

Eine ideologisch expansiv ausgerichtete Atommacht Iran – von der Hamas bis zur Hisbollah, von Bahrain bis nach Katar – wäre daher gefährlicher, als es die regionale Atommacht Nordkorea heute ist. Am bedrohlichsten freilich ist die Lage in Pakistan. Dort herrscht Bürgerkrieg, die staatlichen Strukturen sind marode. Regierungen, die über ein Land herrschen, lassen sich durch die Drohung mit einem massiven Gegenschlag in der Regel abschrecken. Territorial nicht eindeutig festgelegte Organisationen wie die Taliban oder Al Qaida, deren Mitglieder den Tod oft mehr lieben als das Leben, sind gegen Vergeltungsankündigungen immun. Kims Bombe ist für den Rest der Welt bitter, aber wohl beherrschbar. Die Bombe in Teheran oder in den Händen der Taliban wäre verheerend.

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