Meinung : „Wir wollen Bürger, nicht nur Mitbürger sein“

Mirko Weber

Die gebürtige Münchnerin Charlotte Knobloch zeigt sich meist als durch und durch praktische Frau. Sie macht nicht viele Worte, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Das fällt unter Bayern stets  angenehm auf, wo es am Ende nicht großartig zählt, was einer hat oder vorgibt zu haben, sondern was einer ist. Die 73-jährige Charlotte Knobloch ist vor allem: geradeaus. Als ihre drei Kinder alleine klar kommen konnten, engagierte sich ihre Mutter Anfang der 80er Jahre im Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde, wenig später  wurde sie deren Vorsitzende – und ist es noch. Zurzeit wächst am Münchner Jakobsplatz, unweit des Viktualienmarktes, der große Bau des neuen Jüdischen Gemeindezentrums, wo Juden „nicht nur Mitbürger“ sein sollen, wie Charlotte Knobloch sagt, „sondern Bürger“, in aller Selbstverständlichkeit. Ohne sie gäbe es das Zentrum in dieser angestrebten Großzügigkeit wohl kaum.  

Dass Charlotte Knobloch neuerdings als Kandidatin für die Präsidentschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland im Gespräch ist, verwundert wenig. Knobloch wäre schon 1999 gerne Ignatz Bubis gefolgt. Geduld und Kämpfertum sind ihr eigen. Als Kind ist Charlotte Knobloch, getarnt als Katholikin, in Franken aufgewachsen, wo nur der Pfarrer von ihrer Herkunft wusste. Als sie wieder nach München zurückkommt, ist sie 16 Jahre alt. Der Großvater stirbt in Auschwitz, der Vater überlebt und gehört zu den Gründern der Münchner Jüdischen Gemeinde. Die Tochter bleibt in Bayern, heiratet, bekommt Kinder. Immer wieder diskutieren die Knoblochs, ob sie nicht doch das Land verlassen sollen, ob man in Deutschland als Jude überhaupt noch leben kann. Knoblochs bleiben. Das hat etwas mit Pragmatik zu tun, aber auch mit Verwurzelung. Wie ihr persönlich geholfen worden ist, hilft Charlotte Knobloch bis heute – eher unauffällig, obwohl sie nichts gegen große Auftritte hat. Eine wichtige Aufgabe in München ist die Integration vieler Juden, die aus Osteuropa in die Stadt gekommen sind. Charlotte Knobloch stellt sich dieser Situation. Sie ist, wie gesagt, ein praktischer Mensch.       

Im Gegensatz zu Salomon Korn, dem zweiten Vizepräsidenten des Zentralrats, hat sich Knobloch damit arrangiert, eine öffentliche Person zu sein, was in ihrem Fall ständigen Polizeischutz einschließt. Wer sie nach der Vergangenheit fragt, wird oft eher einsilbig beschieden. Lieber redet Charlotte Knobloch von der Zukunft der Juden in Deutschland.

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