Meinung : „Wir wollen der Motor der Erneuerung sein“

Bernd Matthies

Die griffigste und gleichzeitig ratloseste Einschätzung des neuen Vorsitzenden der SPD hat der Göttinger Parteienforscher Franz Walter geliefert: „Er strahlt irgendwie Empathie aus, er hört zu, und doch hat man gleichzeitig den Eindruck von Pudding.“ Das ist ziemlich gemein formuliert. Ebenso gut könnte man über Matthias Platzeck nach 100 Tagen im Amt des SPD-Chefs auch aufbauend sagen, er stelle nun einmal Konsens und Kompromiss über Zuspitzung und Konflikt.

Das Dumme ist nur, dass die Stellenbeschreibung des SPD-Vorsitzenden diese Haltung nicht vorsieht. Da sollte einer am Profil der Partei hämmern, sollte intellektuell oder doch wenigstens rhetorisch brillieren, den Gegner am Nasenring durch die Arena führen oder seine Umgebung zumindest testosteronmäßig überragen wie einst Gerhard Schröder. Platzeck kann das alles nicht oder will es nicht, das macht ihn sympathisch; „Versöhnen statt spalten“, das Rau-Motto, passte ihm wie angegossen. Aber es ist kein praktikables Motto für die Sozialdemokraten, die einen Häuptling suchen und keinen Medizinmann.

Platzeck weiß das alles natürlich, aber bei seinen Auf- und Ausbruchsversuchen wirkt er nicht authentisch, immer wie auf der Suche nach einem schon erprobten Wundermittel. Doch Schröders Wahlkampfknaller „Die militärische Option muss vom Tisch!“ erwies sich in der Zweitversion Platzecks, angewendet auf Iran und dessen Atombombenpläne, als außenpolitischer Rohrkrepierer. Und sein Versuch, zum Aschermittwoch einen Nachschlag von Münteferings Heuschreckensuppe zu reichen, verpuffte seltsam wirkungslos. Immer, wenn er in seinen Reden zu den kämpferischen Passagen vordringt, klingt es, als hätte der Redenschreiber mit dickem Stift „Hier kämpferisch!“ an den Rand geschrieben. Er selbst mag diese Pose nicht.

Langsam zeichnet sich ab, dass die Partei Platzeck entweder fallen lassen wird wie einst den ähnlich strukturierten Björn Engholm – oder ihn zum Jagen tragen muss. Versuche, ihn sofort zum Kanzlerkandidaten auszurufen oder wenigstens im Kabinett unterzubringen, sind insofern konsequent, und konsequent ist auch, dass der potenzielle Kandidat sich diesen Versuchen hellsichtig verweigert. Kanzler Platzeck? Am besten wäre wohl, er nähme den direkten Weg ins Präsidialamt. Eines Tages wird die SPD dort wieder jemanden brauchen, der sich aufs Versöhnen versteht.

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