Meinung : Wir wollen lieber einen Mann

Der Ruf nach einer Bundespräsidentin ist verlogen

Tissy Bruns

Für wie dumm halten die uns eigentlich? Eine Frau soll Bundespräsidentin werden, sagt Gerhard Schröder. Das ist grober Undank gegenüber den Frauen, denen der Bundeskanzler und die rot-grüne Koalition bekanntlich ihre Mehrheit verdanken. Die weiblichen Wähler waren es, bei denen der beinahe erfolgreiche Herausforderer Edmund Stoiber eine erhebliche Glaubwürdigkeitslücke hatte. Und dieselben Wählerinnen waren es, die sich kein X für ein U haben vormachen lassen. Weder die Präsentation der Stoiber-Töchter, noch die Nominierung von Katherina Reiche, der „jungen Frau aus dem Osten“, als künftige Familienministerin konnte Stoibers spezifisches Defizit überdecken. Sein persönliches Lebensmodell stößt sich mit den Erwartungen der Frauen, die Familie und Beruf verbinden wollen. Basta. Da hilft kein Theater mit Vorzeige-Frauen, von denen vermutet werden muss, dass sie es im Ernstfall sowieso nicht werden.

Schröder irrt, wenn er glaubt, dass die Frauen ihm abnehmen, was sie Stoiber nicht glauben konnten. Mag sein, dass dieser Irrtum verständlich ist. Denn das Interesse der Demoskopen an den Motiven weiblicher Wahlentscheidungen ist zu gering, als dass sie uns erklären könnten, warum Frauen eher Rot oder Grün als Union oder FDP wählen. Durch die schlauen Auswertungsrunden zur letzten Bundestagswahl waberte deshalb immer wieder die Vermutung, dass Frauen irgendwie eher nach Sympathie und Gefühlen entscheiden als Männer. Könnte also sein, dass sich der Bundeskanzler das Wahlwunder vom September 2002 damit erklärt, dass Frauen Schröder einfach lieber mögen als Stoiber. Der gesunde Menschenverstand und die private Empirie legen allerdings den einfachen Gedanken nahe: Die Frauen haben knallhart nach Interessenslage entschieden. Die Quotenparteien, die in der Geschlechterfrage ihre Illusionen längst verloren haben, stehen mit etwa einem Prozent größerer Wahrscheinlichkeit für Fraueninteressen ein als die Union, die ihre beste Frau 2002 nicht ins Rennen geschickt hat.

Der allgemeine Ruf „Eine Frau soll es sein“ und das Taktieren mit der Karte Rita Süssmuth ist das Katherina-Reiche-Syndrom der SPD. Und noch schlimmer. Denn Rot-Grün hätte 1999 die Chance gehabt, eine hochqualifizierte Frau, nämlich Jutta Limbach, zur Bundespräsidentin zu wählen. Damals fiel die Entscheidung für Johannes Rau. Der ein guter Bundespräsident ist. Aber es wirkt mehr als merkwürdig, nun mit einer Zählkandidatin Limbach zu jonglieren. Sie verwahrt sich dagegen zu Recht.

Frauen sind für SPD und Grüne hochattraktiv. Als Wählerpotenzial. Erst recht, wenn die Union nicht Stoiber, sondern Merkel aufbietet. Deshalb will Schröder den Frauen in der Bundespräsidenten-Frage ein X für ein U vormachen. Aber, mit Verlaub, Herr Bundeskanzler, wir wissen, dass darüber vor allem nach Machtinteressen entschieden wird. Es ist uns erstens nicht entgangen, dass wegen der Kräfteverhältnisse die Initiative ganz bei der Union liegt, nicht bei Rot-Grün. Dass zweitens die Präsidentenentscheidung deshalb der wichtigeren machtpolitischen Frage untergeordnet ist, ob die nächste Kanzlerkandidatin der Union Angela Merkel heißt. Dass, drittens, Merkel wiederum ein hochgradiges Interesse an einer männlichen Besetzung des Amtes hat. Und viertens sowieso immer nur dann laut über Frauen in hohen Ämtern nachgedacht wird, wenn gerade hinter den Kulissen ausgehandelt wird, welcher Mann es wirklich werden soll.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben