Meinung : „Wir wurden gründlich ernüchtert“

Bernhard Schulz

Zur „Eisernen Lady“ gekürt wurde Margaret Thatcher, die gestern ihren 80. Geburtstag feierte, auf Grund einer außenpolitischen Rede als Oppositionsführerin 1975. Die Argumente, insbesondere für einen festen Umgang mit der Sowjetunion, hatte ihr der Historiker Robert Conquest geliefert. Und noch ein kommender Staatsmann suchte 1980 seinen Rat: Ronald Reagan. Ihm empfahl Conquest eine Strategie unbeirrbarer Prinzipientreue. Die trieb die Sowjetunion in einen ruinösen Rüstungswettlauf – und schließlich in den Untergang. Persönlich zog es Conquest nie in die Politik – allerdings auch nicht zu einer akademischen Laufbahn. Er bevorzugte stets die Rolle des unabhängigen, wenn auch mit einflussreichen Universitäten verbundenen Denkers.

Welch ein Wandel! Denn 1937 war Conquest der Kommunistischen Partei Englands beigetreten. Damals war Europa erfüllt vom Gedanken der Volksfront, vom Kampf der Spanischen Republik – und von den Nachrichten aus Moskau, wo Stalin Schauprozesse abhalten ließ. Conquest, 1917 in gutbürgerlichem Hause geboren, weitgereist und studierter Historiker mit Oxford-Doktorhut, war, wie alle Intellektuellen dieser Jahre, überzeugter Linker. Das änderte sich im und nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Nachrichtenoffizier verbrachte, zuletzt in Bulgarien, wo er Zeuge des kommunistischen Putsches wurde.

Conquest wechselte die Seiten – und wurde der bedeutendste Historiker des Stalinismus. Und der erste, der Stalins Terrorsystem umfassend analysierte. Sein Buch „Der große Terror“ von 1968 brachte ihm wütende Kritik der Linken ein – ähnlich wie späterAlexander Solschenizyn, dessen „Archipel Gulag“ Conquests Erkenntnisse bestätigte. Heute gilt sein – mehrfach überarbeitetes – Buch als das Standardwerk zum Thema. Was Conquest seinerzeit schrieb, etwa über die Millionen Opfer des Stalin-Regimes, hat die historische Forschung seither in vollem Umfang bestätigt, ja oft nur noch schärfer fassen müssen.

Seit 1981 lebt er, in vierter Ehe verheiratet, als Fellow der Hoover Institution an der Stanford University in Kalifornien. Die Liste seiner Publikationen ist geradezu erdrückend. Und ernüchternd die Bilanz: „Gedanken über ein verwüstetes Jahrhundert“ heißt sein Buch aus dem Jahr 1999. Mit Blick auf das sowjetische Experiment ein nur allzu treffendes Urteil. Bislang hat der Jahrhundert-Rückblick keine deutsche Ausgabe erfahren.

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