Meinung : Wir Zebrafinken: Von den Abenteuern der Evolution

Thomas Lackmann

Heute möchten wir mal weniger über die Leitkultur reden, den Spitzenkandidaten für das "Unwort des Jahres", sondern über Werte. Haben Menschen Werte? Haben Ausländer Werte? In Italien sollen künftig die Polizeigäule nicht beim Rossschlachter enden, sondern nach 18 Dienstjahren eine Pension beziehen, wie andere Beamte; in England erhält zur Zeit eine Bühnen-Ente samt Pfleger garantiert 825 Mark am Tag (selbst wenn sie nur zwei Minuten auftritt), ein als Ente verkleideter Schauspieler dagegen umgerechnet nur 970 Mark die Woche. Demnach hat Italien ein hippophiles Sozialsystem, England ein entenfreundliches Tarifsystem. Aus Menschensicht sind das zwar keine richtigen Werte, aber doch wertvolle Errungenschaften. Oder haben etwa auch Tiere Werte? Im Gegensatz zur forschen Biotechnik schreckt der sensible Feuilletonist ja bisweilen davor zurück, Mensch und Tier über einen Leisten zu scheren. Allerdings lehrt selbst ihn die Erfahrung, dass sich von Spezies zu Spezies manche Grenzen verwischen.

Das spektakulärste Beispiel dafür liefert derzeit Thüringen. Sein Beitrag zum Weltkulturerbe schien sich bislang in Luthers Wartburg, der schwarzbraunen Bratwurst und dem Weimaraner Kosmopoliten Goethe zu erschöpfen. Nun haben Paläontologen herausgefunden, dass außerdem seinerzeit auf dem thüringischen Bromacker bei Tambach-Dietharz der original aufrechte Gang eingeübt wurde - lange vor dem Aufstand des Cheruskerführers Hermann, lange selbst vor der Legislative des babylonischen Anstands-Papstes Hammurabi ("Die goldene Regel"). Weil das erste, vor 290 Millionen Jahren senkrecht marschierende Landwirbelwesen, der eudibamus cursoris war (siehe Tsp vom 3. 11. ) ! Ein echt thüringisches Reptil, gleichwohl kein Deutscher im kulturellen Sinn - schließlich maß es nur 0,26 Meter und verdankte seinen Fortbewegungstick keineswegs teutonischer Jagdlust, sondern dem feigen Selbsterhaltungstrieb. Ein Flüchtling also und Vegetarier, mit lateinischem Namen, als Erfinder des aufrechten Gangs: Wie weit war der Evolutionsweg von solch kleinmütigen Ursprüngen bis zum Aufrechtgang jener Anständigen, welche aufstehen, weil ihnen schon der Aufrechtgang als solcher was wert ist!

Die eigene unanständige Begrenzung nämlich will der homo sapiens im allgemeinen, der Deutsche im besonderen überschreiten, dafür träumt er von seiner besseren Welt. Die Träume der Vögel dagegen, präziser: die Träume der Zebrafinken handeln vom Singen, das haben eben erst Wissenschaftler der University of Chicago erkannt. Dieselben Zebrafinken freilich knallen auch regelmäßig gegen Käfigwände (weil sie ungefähr so dumm sind wie der erwiesenermaßen auf Zehenspitzen fliehende eudibamus cursoris ängstlich war). Trotzdem speichern die Vöglein kunstversessen auf ihrem Mini-Festplättchen, welche ihrer Mini-Nerven exakt dem Belcanto dienen. Damit sie des Nachts, so interpretieren das ihre Erforscher, rastlos proben können. Ohne Pensionsanspruch! Ein Traum, was sonst - die wahre Liedkultur. Das ist Idealismus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben