Wirtschaft in der Krise : Total real

So sehr man in diesen Zeiten über die Finanzmenschen schimpfen kann, so sehr man sich auch von ihnen abgrenzen möchte – das Wort von der Realwirtschaft führt in die Irre.

Moritz Döbler

Als ob es eine gute und eine schlechte Wirtschaft gäbe, eine reale und eine surreale. Nein, es gibt eben nur diese eine Wirtschaft auf der Welt, und die Finanzkrise hat ihren Ursprung in Allerweltstransaktionen auf ganz klassischen Märkten. Millionen von Amerikanern haben Häuser und Autos gekauft, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Gelockt wurden sie mit niedrigen Zinsen. Solange es aufwärtsging, konnte niemand verlieren.

An Warnungen hat es nicht gefehlt, und es führt auch nicht wirklich weiter, heute die Gier der Banker zu geißeln. Gier gehört unmittelbar zum Kern des Wirtschaftens und ist einfach menschlich. Es ist nicht die Gier, die dieser Krise eine historische Dimension gibt.

Neu an dieser Krise ist, wie leicht und schnell die Kreditgeber – die Banken – ihre Risiken weltweit weiterreichen konnten. Neu ist auch, wie die Blase platzte. Beides hängt mit dem Internet zusammen. Das Netz hat die Wirtschaft radikal verändert. Es schafft globale Transparenz, und es beschleunigt die Transaktionen. Jeder kann zu jedem Zeitpunkt wissen, was ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Dienstleistung irgendwo auf der Welt kostet. Und ein paar Klicks reichen, um einen Geldstrom an das andere Ende der Welt in Gang zu setzen.

Es ist eine ganz andere Welt als die von Paul Julius Reuter, der einst Brieftauben nutzte, um Aktienkurse zu übermitteln. Die heutige Globalisierung der Wirtschaft besteht nicht vor allem darin, dass Unternehmen in verschiedenen Ländern ins Geschäft kommen. Das gab es immer schon. Die Wirtschaft heute ist globaler als früher, weil Kommunikation nichts mehr kostet. Jeder kann jederzeit alles wissen.

In dieser Welt also entscheidet sich der amerikanische Staat, seine Autoindustrie retten zu wollen. So zwingend es sein mag, auf den drohenden Verlust von hunderttausenden Arbeitsplätzen zu reagieren, so unausweichlich ist doch eine Erkenntnis: Der Aufwand wird in keinem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen stehen. Es ist ja nicht so, dass die Finanzkrise die US-Autoindustrie an den Abgrund geführt hätte. Nein, sie steht schon länger da, nachdem sie jahrzehntelang stetig Marktanteile verloren hat.

GM, Ford und Chrysler erleben eine Strukturkrise, wie sie noch viele Branchen in vielen Ländern treffen wird – so wie Steinkohlebergbau und Stahlerzeugung ihre einstige Bedeutung in Deutschland verloren haben. Strukturwandel lässt sich nicht aufhalten. Es ist nur etwas mehr als 20 Jahre her, dass Krupp-Arbeiter die Rheinbrücke von Rheinhausen besetzt haben. Es ist keine sieben Jahre her, dass Holzmann pleiteging.

Unternehmen müssen sich dem Wandel anpassen, mussten das immer schon. Die Rolle des Staates kann nicht sein, marode Industrien vor dem Untergang zu retten, sondern er muss den Wandel unterstützen. Mag sein, dass trotzdem Bürgschaften für Opel nötig sein werden. Mag sein, dass auch anderen Unternehmen geholfen werden muss. Denn die Politik darf die Menschen nicht im Stich lassen.

Aber gemessen wird sie daran, wie sie den Wandel gestaltet. Deswegen ist es gut, dass Barack Obama nicht nur die Straßen seines Landes erneuern, sondern jedem Kind einen schnellen Internetzugang ermöglichen will. Deswegen ist es richtig, kompromisslos auf Bildung und Forschung zu setzen. 100 000 Euro für jede Schule, 500 000 Euro für jede Hochschule? Warum nicht – das Geld kann der Staat sicher dümmer ausgeben, wie das gerade von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Konjunkturprogramm der Bundesregierung zeigt.

Statt an der Kraftfahrzeugsteuer herumzudoktern, könnte man zum Beispiel Elektroautos und die dafür notwendigen Stromtankstellen massiv subventionieren. Wenn schon gigantische Summen die Folgen der Krise abmildern müssen, dann sollten die ganzen Milliarden doch wenigstens in die Technik und Branchen der Zukunft fließen. Denn die Wirtschaft ist real.

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