Meinung : Wirtschaft nach dem Terror: Zeichen setzen gegen die Verzagtheit

Nun verfliegt auch die letzte Zuversicht. In einem atemberaubenden Tempo stürzen die Aktien ab und signalisieren: Die Weltwirtschaft hat keine gute Zeit vor sich. Nach der Devise "Rette sich wer kann!" flüchten die Anleger vom Parkett, weil sie lieber heute ihre Aktie mit Verlust verkaufen, bevor sie morgen noch weniger wert ist. Da die meisten so denken, geht es bergab. Die Angst vor der Zukunft bestimmt die Unternehmen, die Beschäftigten, die Verbraucher. Und wer Angst hat, der investiert nicht, der kauft nicht ein und der legt nicht an. Deshalb sind die Aussichten für die Weltwirtschaft so düster, weil sich in dieser so risikoreichen Zeit die Menschen scheuen, noch zusätzliche persönliche Risiken einzugehen. Also wird zum Beispiel kein Auto angeschafft, das Geld bleibt auf dem Konto.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Die amerikanische Konjunktur schwächelt bereits seit einem knappen Jahr, die Terroranschläge haben ihr den Rest gegeben. Im dritten und vierten Quartal wird die Wirtschaftsleistung ziemlich sicher sinken, die USA rutschen dann in die Rezession. Nach einem zehnjährigen Aufschwung ist das nicht ungewöhnlich und auch keine Katastrophe - wenn es in absehbarer Zeit denn wieder aufwärts geht. Doch wer einmal auf der Talsohle festhängt, findet womöglich nur schwer die Kraft zum Aufschwung. Siehe Japan; die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt kommt seit Jahren nicht aus der Krise. Wenn allerdings mit Japan und den USA zwei der drei wichtigsten Wirtschaftsräumen gleichzeitig die Kraft ausgeht, dann ist die Weltwirtschaftskrise da, und auch Europa würde mit hineingezogen.

Vor dieser Drohkulisse schwingt sich die amerikanische Politik auf, um Märkten und Managern, Verbrauchern und Verbündeten Beine zu machen. Die US-Geldpolitiker haben bereits acht Mal in diesem Jahr die Zinsen gesenkt, in der vergangenen Woche abgestimmt mit der Europäischen Zentralbank. Das Geld ist also billiger geworden, jetzt muss es nur noch bei den Banken abgeholt und dann ausgegeben werden. Für Konsumgüter und für Investitionen. Mit einer massiven Steuerrückerstattung wollte George W. Bush bereits vor den Anschlägen den privaten Verbrauch stimulieren. Jetzt sind weitere Steuersenkungen und investitionsfördernde Maßnahmen geplant. Das ist alles richtig und wird doch erst dann Wirkung zeigen, wenn die Unsicherheit über die militärischen Operationen und ihre Folgen überwunden ist.

Die Europäer können darauf nicht warten. Allein mit moralischer und militärischer Solidarität ist es nicht getan, vielmehr müsste jetzt von Westeuropa ein Wachstumsimpuls ausgehen. Dazu beitragen können weitere Zinssenkungen ebenso wie ein Kurswechsel in der Finanzpolitik. Im Rahmen des Stabilitätspakts üben die Euroländer Haushaltsdisziplin und lösen sich langsam aus der Schuldenfalle. Auch das ist richtig. Doch die Verhältnisse haben sich in den vergangenen zehn Tagen verändert. Der deutsche Finanzminister hat in einer ersten Reaktion einige Verbrauchssteuern erhöht und ein erstes Loch gestopft. Die bevorstehenden Ausgaben sind so aber nicht zu finanzieren, denn weitere Steuererhöhungen wären verheerend für die Konjunktur. Und Sparmaßnahmen sind unwahrscheinlich - im Wahljahr will die Politik niemandem wehtun.

Hans Eichel wird also sein Konsolidierungsziel überdenken und etwas für die Konjunktur tun müssen. Zum Beispiel ein teilweises Vorziehen der Steuerreform oder die Verschiebung der Mineralölsteuererhöhung. Ein geld- und finanzpolitisch ähnlich energisch wie die USA agierendes Europa könnte ein Zeichen setzen gegen die Verzagtheit. Damit die Zuversicht zurückkehrt.

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