Wirtschaftskriminalität : Heute gibt’s Moral

Siemens, Deutsche Bahn, Telekom: Nach den jüngsten Affären schreiben die deutschen Global Player "Compliance" ganz groß. Eigentlich eine Frechheit: Schließlich sollte es selbstverständlich sein, die Finger von kriminellen Geschäften zu lassen.

Moritz Döbler

Der Jargon der Manager enthält zuweilen rätselhafte Worte. „Compliance“ sagen sie und meinen, dass sie sich an Gesetze, Regeln und Gepflogenheiten halten wollen. Eine bodenlose Frechheit ist das eigentlich, weil es doch selbstverständlich sein sollte, von kriminellen Geschäften die Finger zu lassen.

Ist es aber nicht, wie der Fall Siemens nur zu gut zeigt. Seit Montag steht der Buchhalter der schwarzen Kassen in München vor Gericht. Schon am ersten Tag wurde deutlich, dass seine Verfehlungen in einem größeren Zusammenhang stehen. Als Bestechung im Ausland zu einem Straftatbestand wurde, beendete der Konzern die Schmiergeldzahlungen nicht, sondern verschleierte sie fachkundig. Einige im Konzern wussten davon; ob die alleroberste Führungsriege eingeweiht war, ist ungeklärt. Auch wenn die ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld noch aussagen müssen, wird der Prozess kaum alle Fragen klären: Kein Zeuge muss sich selbst belasten.

Siemens aber hat die Lektion gelernt. „Compliance“ kommt in jeder zweiten Mitteilung des Konzerns vor, und es gibt inzwischen sogar einen eigenen Vorstand dafür: den US-Anwalt Peter Solmssen. Ganz freiwillig ist der Lernprozess nicht gewesen. Bisher hat Siemens im Zuge der Schmiergeldaffäre 1,8 Milliarden Euro für Bußgelder, Anwaltskosten und Beraterhonorare ausgeben müssen. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die US- Börsenaufsicht SEC hat ihre Strafe noch gar nicht verhängt – angeblich könnte es ein Milliardenbetrag werden. Schon deswegen muss Siemens bemüht sein, den allerallersaubersten Eindruck zu machen.

Wie jetzt auch die an die Börse strebende globale Deutsche Bahn, die am Montag verkündete, dass sie ihren Compliance-Bereich von 10 auf 28 Mitarbeiter ausbaut. Seit einem Jahr leitet Ex-Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner die Abteilung, und den Jargon hat er längst drauf: „Compliance ist heute ein wichtiger Teil des Risikomanagements eines Unternehmens“, lautet seine Botschaft.

Genau – es geht eben kein bisschen um Moral (sonst könnten ja ein Verkehrsminister und ein Bahngewerkschafter nicht Vorstände bei der Bahn werden). Und weil das so ist, wird sich noch zeigen müssen, ob die schönen Compliance-Abteilungen bei Siemens und der Bahn ihr Geld wert sind. Denn auch die Telekom ist bei Compliance ganz groß – und hat trotzdem einräumen müssen, eigene Manager, Aufsichtsräte und Journalisten bespitzelt zu haben. Der erst drei Monate alte Geschäftsbericht rühmte noch den eigenen Ethikkodex und das „Compliance Committee“, und er versprach auch die „Einhaltung gesetzlicher Normen und konzerninterner Regelwerke“.

Nur genützt hat das alles nichts. Ob man an die Stelle des ganzen Compliance-Quatsches das bald 500 Jahre alte Leitbild des ehrbaren Kaufmanns setzen sollte, das seinen Ursprung in Hamburg hat? Ach was, das verkauft sich nicht so gut – wo ist die Story? Denn am Ende des Tages, da zählt doch nur die Story. Das weiß doch jeder kleine Manager.

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