Meinung : Wirtschaftskrise: Konjunktur kann man nicht kaufen

Ist der Weltwirtschaft mit den Türmen des World Trade Center das Navigationssystem abhanden gekommen - die Kriterien, nach denen die Ökonomie bisher gut von schlecht, Sinn von Unsinn, und frei von unfrei unterschieden hat? Nach dem 11. September haben die Konjunktur und die Wirtschaftsordnung der westlichen Welt einen schweren Schlag bekommen. Das "Ende der Globalisierung" wird ausgerufen, Wachstumsprogramme und Subventionen für bedrohte Luftlinien werden verabschiedet, der Freihandel und der freie Kapitalverkehr in Frage gestellt.

Man tut so, als gäbe es nun eine Erklärung dafür, warum alle großen Volkswirtschaften der Welt gleichzeitig in die Rezession stürzen. Als hätte die Angst vor der Globalisierung nun ein Ventil gefunden. Und als wäre eine neue Ordnung abrufbar, eine bessere und effizientere, die mehr Wohlstand, gleichmäßiger verteilt, verspricht. Eine, die westliche und östliche Werte in idealer Weise verbindet. Eine solche neue Ordnung gibt es nicht. Und es gibt auch keine, die den Wohlstand der Nationen schneller und gerechter sichern würde. Sonst wäre diese Ordnung - nach den Gesetzen des Marktes - längst in Kraft.

Unübersehbar ist aber, dass die Weltwirtschaft aus den Fugen geraten ist. Nicht nur wegen der Terroranschläge, aber auch in deren Folge. Schon zuvor ging es in Europa, Japan und in den USA im Gleichklang in Richtung Rezession - zum ersten Mal seit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren. Schon zuvor starrten Aktionäre wütend auf den Verfall der Technologiewerte und fragten sich, ob die Bewertungsmaßstäbe für Aktien und Anlagen noch gültig sind. Schon zuvor war die Illusion einer neuen Ökonomie geplatzt, die auf Grund immer währenden Produktivitätsfortschritts keine Rezession mehr kennt.

Die Terroranschläge von New York und Washington jedoch sind das Moment, das den Abschwung zur Depression machen kann. Dies ist ein Augenblick, in dem die wirtschaftliche Entwicklung in das Bewusstsein aller rückt, in dem Kaufentscheidungen revidiert, Autobestellungen storniert oder ein Hauskauf verschoben werden. Die klassischen Methoden der Risikoabschätzung sind außer Kraft gesetzt. Das gilt für Volkswirtschaften und für Aktienmärkte, für Unternehmen und Konsumenten. Sind die Statistiken über die Kapazitätsauslastung von Unternehmen noch richtig, oder haben die Firmen nach wie vor Überkapazitäten, die noch nicht abgebaut wurden? Stimmen die Kurs-Gewinn-Relationen noch, die man vor dem 11. September für vernünftig gehalten hat? Sind Konsumenten berechenbar, wenn sie Angst haben? Und: Lässt sich die konjunkturelle Wende überhaupt mit all den Programmen, Subventionen, Zinssenkungen und Steuererleichterungen herbeiführen?

Das Vertrauen in die Kräfte des Marktes ist offenbar auch bei denen im Schwinden, die bislang die freie Wirtschaft verteidigt haben: Die USA verabschieden ein Konjunkturprogramm. Es wird nicht lange dauern, bis Europa nachziehen muss. Der Chef der Deutschen Bank fordert Wachstumshilfen, die Fluglinien staatliche Subventionen und das neoliberale Musterland Neuseeland verstaatlicht seine Fluglinie. Bemerkenswert: Die alten Interventionsreflexe funktionieren immer noch. Als sei mit den Türmen des World Trade Center auch das Selbstbewusstsein der Vertreter einer freien Welt zu Asche zerfallen.

Objektiv geht es der Wirtschaft nicht schlechter als vor dem 11. September. Und ob die neuen Freunde staatlicher Eingriffe und Konjunkturprogramme Recht bekommen, wird sich erst in ein paar Monaten zeigen: Dann nämlich, wenn sich heraus gestellt hat, ob in einem irrationalen Moment der Wirtschaftsgeschichte ein Konjunkturprogramm die Handelnden so beeindruckt, dass sie wieder nach vorne blicken.

Denn nur das lässt sich mit staatlichen Milliarden kaufen: Hoffnung. Hoffnung, die zu Wachstum führen kann. Aber nicht muss. Und was dann passiert, lässt sich in Japan betrachten, wo der Staat sehr viel Geld in die Wirtschaft gepumpt hat - und doch nichts ausrichten konnte. Die japanische Wirtschaft hat sich trotzdem in ihrer Depression eingesponnen. Und der Staat ist darüber handlungsunfähig geworden.

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