Wirtschaftskrise : Nostalgie am Steuer, das wird teuer

Ob GM oder Opel: Eine nationale Autoindustrie gibt es längst nicht mehr. Inzwischen müssen Regierungen neu definieren, warum sich einzelne Nationen für internationale Konzerne interessieren sollten.

Christoph von Marschall

In Krisenzeiten blühen die nationalen Mythen. Erstens bleibt den Bürgern wenig anderer Trost als der Stolz auf die nationalen Errungenschaften in besseren Zeiten, wenn ringsum Banken und Autokonzerne zusammenbrechen, Arbeitsplätze und Eigenheime bedroht sind. Zweitens konzentriert sich die Regierung auf die Rettung wichtiger nationaler Industrien. So wird Opel plötzlich zu einer Herzensangelegenheit der Deutschen. Und in den USA gelten GM und Chrysler auf einmal als Aushängeschilder des Patriotismus.

Das funktioniert so weit, wie das Publikum bereitwillig bei der Entkoppelung von Geschichte und Gegenwart mitmacht. Die aktuellen Probleme rühren zu einem Gutteil daher, dass die Zahl der Amerikaner abnimmt, die die Produkte von GM und Chrysler als unverzichtbaren Teil ihres Alltags und ihrer Identität empfinden und deshalb kaufen. Den Deutschen geht es mit Opel ähnlich. Als Gegenmittel soll der nostalgische Rückblick herhalten. Papi und Mami fuhren mit ihrem Opel in den ersten Italienurlaub. Für Amerikaner waren Chevrolet, Buick, Dodge und Ford die Mittel der Massenmotorisierung – und Cadillac, Corvette, Mustang, Jeep die Traumautos.

Die Deutschen haben den Motorwagen erfunden. Der Kult ums Auto ist in den USA aber noch stärker ausgeprägt. Dort wurde es dank Henry Fords Fließbändern zum erschwinglichen Massenprodukt. Amerikaner verbringen viel mehr Zeit im Auto als Deutsche, weil die Entfernungen größer sind und sie weniger Alternativen zum Individualverkehr haben. Platz und Komfort im Innenraum sind wichtige Kaufargumente. Kompakte Außenmaße spielen eine geringere Rolle als im dicht besiedelten Deutschland. Das bieten die US-Modelle sogenannter „ausländischer“ Anbieter freilich auch.

Die Regierung Obama appelliert an das Nationalgefühl: Kauft amerikanisch! Dann haben GM und Chrysler eine Zukunft. Sie erreicht damit die Herzen. Sie will aber ebenso wenig wie die Bundesregierung sagen, was einen Autobauer heute noch zu einer nationalen Firma macht. Was an GM, Chrysler und Ford ist speziell „amerikanisch“ und was an Opel „deutsch“? Die Besitzverhältnisse sind international verschränkt. Opel wäre danach seit 1929 keine deutsche Firma mehr. Die Arbeitsplätze? Nach der Definition wäre ein GM-Modell, das in Kanada oder Mexiko für den US-Markt gebaut wird, kein amerikanisches Auto. Eine US-Regierung, der es um die Rettung von Jobs geht, müsste dagegen die Toyotas, Mercedesse und BMWs, die in den USA gefertigt werden, subventionieren. Wäre der Nutzen für die Bürger maßgeblich, könnten Chrysler und GM sogar als „unamerikanisch“ gelten, weil ihre Geschäftspolitik viele Jobs und Altersversorgungen von Amerikanern vernichtet hat.

Das Schicksal von Opel, GM und Chrysler wirkt wie eine Zäsur – das Ende der nationalen Autoindustrien. Die gibt es jedoch längst nicht mehr. Der wahre Einschnitt ist: Regierungen müssen neu definieren, wie sie das nationale Interesse an internationalen Konzernen begründen.

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