Wirtschaftswachstum : Die magnetische Stadt Berlin

Darf sich ausgerechnet der rot-rote Senat rühmen, die Wirtschaft auf die richtigen Gleise gesetzt zu haben? Arm ist Berlin weiter, aber auch reich an Chancen. Ein Kommentar.

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Berlins Wirtschaft scheint die Trendwende geschafft zu haben.
Berlins Wirtschaft scheint die Trendwende geschafft zu haben.Foto: ddp

Klassenbester – und nicht wie so häufig zuvor Letzter. Na bitte. Berlins Wirtschaft ist seit 2005 am stärksten von allen Bundesländern gewachsen, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Die Tourismusbranche in der Hauptstadt meldet zugleich neue Besucherrekorde. Und nirgendwo in der Republik werden so viele Unternehmen gegründet wie an der Spree. Ist das noch das Bundesland, das seit dem Mauerfall abonniert war auf die rote Laterne, wenn es um Wirtschaftsentwicklung ging? Die arme Hauptstadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit der Republik und den meisten Hartz-IV-Empfängern?

Ja, arm ist die diese Stadt weiter, aber auch reich an Chancen. Die deutsche Metropole ist mit ihrer Strahlkraft und kreativen Atmosphäre ein Magnet; schon seit Jahren wächst die Bevölkerung. Berlin, das nach dem Mauerfall in ein tiefes Loch fiel, wo hunderttausende Jobs verloren gingen, weil die heruntergekommenen Industriekombinate im Ostteil und die subventionierten Werkbänke im Westteil zusammenbrachen, scheint endlich die Trendwende geschafft zu haben.

Welch Potenzial es in Berlin gibt, zeigt der Tagesspiegel gerade in seiner Zukunftsserie „Berlin 2030 – die Zukunft der Hauptstadt“. Ob im Gesundheitsbereich oder bei Zukunftstechnologien, zwischen Spree und Havel hat die Stadt alle Ressourcen, um erfolgreich zu sein: riesige Entwicklungsgebiete wie am Hauptbahnhof, exzellente Universitäten und ideenreiche Unternehmensgründer. Ein Zukunftslabor mit weltweiter Ausstrahlung kann Berlin 2030 werden, sagen die Forscher der Prognos AG. Was möglich ist, deutet sich schon an: 140.000 zusätzliche Stellen sind in den vergangenen fünf Jahren zum Beispiel bei Dienstleistern, im Gesundheitsbereich oder dem Kreativsektor geschaffen worden. Dass die Arbeitslosigkeit nicht gesunken ist, liegt auch daran, dass die Bevölkerung insgesamt wächst und zugleich immer mehr Brandenburger in Berlin Arbeit finden.

Überschätzen darf man die positiven Meldungen nicht. Dass die Hauptstadt besser durch die weltweite Krise gekommen ist als andere Bundesländer, hängt auch damit zusammen, dass hier die Exportquote der produzierten Güter erbärmlich niedrig ist. Der Lackmustest kommt: Nachdem die Industrie in exportstarken Bundesländern wie Baden-Württemberg oder Bayern wieder boomt, wird sich zeigen, ob Berlin im Bundesvergleich zurückfällt oder ob die Wachstumsimpulse kräftig genug sind, um mitzuhalten.

Darf sich ausgerechnet der rot-rote Senat rühmen, die Wirtschaft auf die richtigen Gleise gesetzt zu haben? Zumindest, das gestehen selbst die kritischen Wirtschaftsverbände zu, hat der Senat nichts falsch gemacht. Politik ist manchmal, nicht aus der Amtsstube zu entscheiden, sondern Prozesse zu moderieren. Der linke Wirtschaftssenator Harald Wolf darf sich zugutehalten, der Sachkenntnis von Unternehmen, Fachleuten und Verbänden den notwendigen Raum gegeben zu haben für eine strategische Neuausrichtung. Nicht schon anderswo etablierte Industrien oder Dienstleistungsbranchen in die Stadt holen, sondern sich auf künftige Wachstumsfelder zu konzentrieren, ist das Erfolgsrezept. Sträflich spät hat der Senat freilich den Verlust an industrieller Substanz ernst genommen und gegengesteuert. Dienstleistung allein kann keinen nachhaltigen Wohlstand für alle schaffen.

Spürbar wird aber eine gespaltene Entwicklung – hier die qualifizierten Zuzügler mit gut bezahlten Arbeitsplätzen, die sich steigende Mieten und hochwertigen Konsum leisten können, dort die dauerhaft abgehängten Hartz-IV-Empfänger ohne Ausbildung und Hoffnung. Nur anhaltendes Wachstum kann auch für Menschen mit geringer Qualifikation genügend Arbeit schaffen. Jobs sind die beste Sozialpolitik. Wenn dem Senat der soziale Ausgleich nicht gelingt, dann wird die Stadt zwar nicht mehr beim Wachstum die rote Laterne haben, die Wähler aber Rot-Rot dennoch die rote Karte zeigen.

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