Wissen : Kreativitätskiller Schule

Der Unterricht fördert allzu einseitig rationales Denken – dabei bleiben andere Talente auf der Strecke, meint Wissenschaftsredakteur Bas Kast.

Bas Kast

Es gab einmal ein britisches Mädchen namens Gillian. 1934 war Gillian gerade mal acht Jahre alt und schon eine Schulversagerin. Ein Störenfried war sie noch dazu. Ein Zappelphilipp. Ständig musste sie sich bewegen. Ihre Konzentrationsfähigkeit tendierte gegen null. Dieses Mädchen war ein Albtraum für jeden Lehrer. Kein Wunder also, dass man in der Schule Gillians Eltern dazu riet, das Kind doch mal von einem Arzt untersuchen zu lassen.

In der Sorge, ihr Kind sei vielleicht krank oder sogar nicht ganz richtig im Kopf, folgte die Mutter dem Rat der Lehrer und ging mit der kleinen Gillian zum Doktor. Nachdem dieser das Mädchen eine Weile beobachtet hatte, nahm er die Mutter an die Hand und trat mit ihr aus dem Raum – doch nicht, bevor er das Radio angeschaltet hatte. Heimlich beobachteten die beiden, wie Gillian, nun allein im Raum, allein mit der Musik, spontan anfing zu tanzen. Der Arzt sah die Mutter an und sagte: „Ihre Tochter ist nicht krank, Frau Lynne, sie ist eine Tänzerin. Am besten, Sie bringen sie auf eine Tanzschule.“

Gesagt, getan – und aus Gillian Lynne wurde tatsächlich eine Tänzerin, eine wundervolle. Nicht nur das, sie wurde eine Choreografin, und zwar eine der erfolgreichsten der Welt. Zu ihren berühmtesten Arbeiten gehören das Musical „Cats“, das am längsten gespielte Werk in der Geschichte des britischen Musicals, sowie „Das Phantom der Oper“.

Arme, glückliche Gillian Lynne. Würde Gillian heutzutage einen Arzt aufsuchen, stünden die Chancen nicht schlecht, dass er sie als ADHS-Kind einstufen würde. ADHS, das heißt Aufmerksamkeits-Defizit-Störung und geht oft, wenn auch nicht immer, mit vermehrtem Bewegungsdrang und Hyperaktivität einher. Das Standardmittel dagegen lautet Methylphenidat, besser bekannt unter dem Namen Ritalin.

Keine Sorge, ich bin kein Abgesandter der Scientology-Sekte. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Psychopharmaka, weil sie „unseren Geist manipulieren“. Auch Kaffee manipuliert unseren Geist, und ich zumindest käme ohne Kaffee nicht klar. Außerdem: Es gibt viele Kinder, denen Ritalin wirklich hilft.

Es soll aber in diesem Essay auch nicht um Psychopharmaka gehen. Mir geht es vielmehr um die Frage, ob die Schule die Kreativität unserer Kinder fördert – oder vielleicht eher hemmt. Kürzlich hat das ZDF die Studie eines Glücksforschers präsentiert, der mehr als 1200 Kinder und ihre Eltern interviewt hat. Sein Fazit: Glückskiller Nummer 1 bei Kindern in Deutschland ist die Schule.

Nun ist die Schule nicht unbedingt dazu da, Kinder glücklich zu machen, zumindest nicht immer und vor allem nicht immer unmittelbar. Trotzdem ist der Befund niederschmetternd, und vielleicht hängt er auch damit zusammen, dass nur ein Bruchteil der Kinder in unseren Schulen die Gelegenheit bekommt, seine innersten Fähigkeiten auszuleben. Beim Großteil gleicht der Unterricht, wie mir scheint, eher einer Art Formatierung des Gehirns, bei der es vor allem auf eins ankommt: das kindliche Gehirn, das anfangs oft noch offen ist für allerlei Formen, sich auszudrücken, nach und nach auf ein einziges Format zu reduzieren – das Format der rationalen Leistungsfähigkeit.

Es gibt eine eindrucksvolle Geschichte eines ukrainischen Mädchens namens Nadia, dessen Schicksal in gewisser Weise dem Gillians entgegengesetzt ist. Nadia tauchte eines Tages in der britischen Universität Nottingham auf, zusammen mit ihrer Mutter. Die Mutter hatte ein kleines Bündel Zeichnungen dabei, allesamt mit Kugelschreiber angefertigt. Diese Zeichnungen waren so unglaublich schön und präzise, als seien sie von Leonardo da Vinci höchstpersönlich.

Das Verblüffende war: Die Zeichnungen waren von Nadia, einem vier-, fünfjährigen autistischen Mädchen, das kaum sprechen konnte. Ihr aktives Vokabular bestand aus gerade mal zehn Wörtern. Dann geschah Folgendes. Nadia kam in eine Schule für autistische Kinder, wo man ihr in Sonderkursen auch das Sprechen systematisch beizubringen versuchte. Und Nadia lernte tatsächlich – in begrenztem Maße – zu sprechen. Da aber offenbarte sich etwas Sonderbares: Je besser Nadia sprechen lernte, desto geringer wurde ihr Zeichentalent.

Schließlich malte Nadia nur noch selten spontan, und wenn man sie dazu aufforderte, dann war von dem einstigen Leonardo- Funken nicht mehr viel übrig. Ihre Bilder wurden gewöhnlich. Es war, als hätte die Sprache Nadias Zeichengenie ausgelöscht.

Gillian Lynne hatte Glück. Sie musste ihr Gehirn nicht – mit freundlicher Unterstützung von Ritalin – auf rationale Leistungsfähigkeit formatieren lassen. Sie konnte das Talent, das in ihr schlummerte, das Tanzen, das Körperliche, Choreografische, ausleben und entwickeln. Sie musste ihr Gehirn nicht der Struktur der Schule unterwerfen, nein, es war umgekehrt: Ihre Schule passte sich Gillians auf Tanz geeichter Hirnstruktur an und brachte so ihr innerstes Talent zu Tage, förderte es. Zu ihrem und unser aller Glück.

Wie viele von uns hatten dieses Glück nicht? Wie viele von uns mussten ihr Gehirn auf Biegen und Brechen der Struktur der Schule unterwerfen, die uns nach dem Motto unterrichtet: One size fits all (etwa: „eine Größe für alle“)?

Diese eine Größe, von der da die Rede ist und die uns allen passen soll, ist die rationale Ausdrucksfähigkeit. In der Schule kommt im Laufe der Jahre alles zunehmend auf Rationalität an, auf den Kopf. Nebenbei gesagt, auch in den Schülertests „Pisa“ und „Iglu“ geht es ausschließlich um rationale Leistungfähigkeit. Alles, was sich in rationaler Sprache und Zahlen ausdrücken lässt, gilt als besonders wertvoll und steht in der Hierarchie der Schulen an der Spitze (mit rationaler Sprache meine ich eine logische, argumentative Sprache, im Gegensatz zu Lyrik oder Liedern). Alle anderen Ausdrucksformen sind sekundär und werden entsprechend stiefmütterlich behandelt.

Ja, natürlich gibt es Kunstunterricht, und ja, es gibt auch Schulen, die den Kunstunterricht anders als stiefmütterlich behandeln. Aber mal unter uns: Das sind eher Ausnahmen, oder nicht? In der Regel geht es in unseren Schulen vor allem darum, eine einzige Schicht zu perfektionieren: die rationale Schicht. Und das auf Kosten vieler anderer Schichten, die auch in uns stecken.

Das geht so weit, dass selbst der Kunstunterricht im Abitur im Laufe der Jahre immer abstraktere, wenn man so will: rationalere Formen annimmt. Sogar der Kunstunterricht wird dem Prinzip der rationalen Ausdrucksform unterworfen. Als kleine Kinder dürfen wir im Kunstunterricht noch mit gutem Gewissen malen. Als Abiturient ist das zwar nicht völlig verboten, mehr Wert aber legt man nun darauf, dass man einen Aufsatz über Kunst (eine „Bildbetrachtung“) schreiben kann. Der Kunstunterricht wird rationalisiert, denn in unseren Schulen herrscht eine klare Hierarchie, und die sieht so aus: Ganz oben stehen Sprache und Zahlen. Alles andere ist zweitrangig. Bestenfalls.

Wer zufällig das Pech hat, sich nicht gut in rationaler Sprache oder Zahlen ausdrücken zu können, sondern besser in Poesie oder Tanz, Malerei oder Musik, fühlt sich notgedrungen dumm und unkreativ, weil das, was sein oder ihr Gehirn zu bieten hat, keine Anerkennung findet.

Der britische Kreativitätsexperte Sir Ken Robinson hat es einmal wie folgt formuliert: Unsere Schulen richten ihren Unterricht so aus, als sei es ihr – und damit unser aller – unausgesprochenes Ziel, aus all unseren Kindern Universitätsprofessoren zu machen. Nichts gegen Uniprofessoren, wir haben sie gern, aber der Uniprofessor ist ja auch nur, wie Robinson es ausdrückt, „eine Lebensform von vielen“. Für Schulen jedoch scheint die Lebensform des Universitätsprofessors das Nonplusultra zu sein.

Ich erinnere mich an einen Schüler in meiner Klasse, der schon damals wie ein Professor tickte. Dieser Junge hatte das große Los gezogen. Alle Lehrer bewunderten ihn, und er wurde tatsächlich ein Professor. Uns andere hat man mit Mühe in diese Richtung erzogen. Aus uns wurden missglückte Professoren, das heißt: Wir ergriffen andere Berufe. Einige von uns fühlen sich bis heute dumm, weil sie der Schulstruktur nicht gerecht wurden. Man könnte es natürlich auch anders sehen. Man könnte es auch so sehen, dass es die Schule war, die unseren Hirnstrukturen nicht gerecht wurde.

Das sehen inzwischen immer mehr Experten so. Ironischerweise sind viele von ihnen selbst Professoren. Wolf Singer zum Beispiel, der zwar nicht an einer Universität lehrt, dafür immerhin Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt ist. Singer bedauert es, dass man in der Schule so einseitig auf rationale Leistungsfähigkeit setzt. „Sie ist das einzige Ausdrucksmittel, das unser Erziehungssystem mit Nachdruck ausbildet“, kritisiert er. Nichtrationale Formen sich zu äußern, wie bildnerische, musische oder tänzerische, würden dagegen vernachlässigt.

Dabei seien gerade sie, wie der Hirnforscher meint, geeignet, widersprüchliche Empfindungen zu vermitteln, „weil sie nicht an binäre Logik gebunden sind“. Und Singer fährt fort: „Ich behaupte, dass alle Kinder mit dem Angebot kommen, diese nichtrationalen Kommunikationsformen und Ausdrucksmittel zu nutzen, und dass alle Kinder über sie verfügen, dass wir diese aber zu wenig und wenn überhaupt, dann zu spät fördern und sie auf Kosten der Ausbildung der rationalen Sprache vernachlässigen oder gar unterdrücken. Und so müssen wir uns meist damit begnügen, uns mit dem relativ jämmerlichen Vehikel rationaler Sprachen verständlich zu machen.“

Es stimmt in diesem Zusammenhang übrigens nicht, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft nur die linke, rationale Hirnhälfte fördern, während die rechte, kreative Hirnhälfte brachliegt. In Wahrheit fällt das, was in der Schule vornehmlich gefördert wird, noch weitaus reduzierter aus: Es sind nämlich nur gewisse begrenzte Areale der linken Gehirnhälfte, die sich mit (rationaler) Sprache beschäftigen, der ganze Rest des Hirns hat damit nichts am Hut.

Natürlich ist die Sprache wichtig, ebenso wie die Mathematik. Und ja, wir brauchen Universitätsprofessoren, zumindest ein paar. Nicht jeder kann ein Choreograf sein, und ich persönlich würde auch nicht gern in einer Welt leben, die nur aus Beethovens besteht.

Ebenso wenig ist es mein Anliegen, hier eine Kuschelpädagogik zu propagieren. Im Gegenteil, Leistung ist etwas Wundervolles. Was ist schöner, als zu verfolgen, wie ein Mensch noch die letzten Fähigkeiten aus sich herausholt? Gerade darum geht es doch! Genau das lässt sich bestimmt nicht erreichen, wenn wir alle Kinder zu Uniprofessoren erziehen wollen, zu etwas also, das sie nicht sind.

Es geht mir darum, dass die Schule die Gehirne unserer Kinder allzu früh auf eine bestimmte, einseitige Ausdrucksfähigkeit zu trimmen versucht, so als wüssten wir genau, dass es diese Fähigkeit ist, auf die es für das Kind und für uns ankommt. Dabei gibt es doch noch so viele andere Fähigkeiten, die in der Schule kaum eine Rolle spielen und die im Leben trotzdem über Karriere oder Nichtkarriere und über Glück oder Unglück entscheiden können. Humor zum Beispiel. Für Humor gibt es keine Note.

Wäre es nicht schön, wenn sich unsere Schulen etwas mehr für diese nichtrationalen Ausdrucksweisen, die unser Leben so lebenswert machen, öffnen würden? Gillian und Nadia waren Ausnahmen, das ist richtig. Nicht jeder ist ein Harald Schmidt, nicht jeder ein Künstler, schon klar. Aber es wäre doch schön und es wäre auch fair, wenn sich die Schule öffnen würde für die vielen verschiedenen Talente, die in unseren Kindern schlummern – statt allzu einseitig auf das Talent zum Uniprofessor zu setzen, als sei der Uniprofessor die wertvollste Lebensform der Welt.

Nicht in jedem Kind steckt ein Hochschullehrer und nicht in jedem ein Picasso. Aber in vielen steckt ein verborgenes Talent, und wir sollten alles dafür tun, dass jedes Kind die Chance bekommt, es zu entdecken.

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