Meinung : Wissen, was wir essen

Gentechnisch veränderte Organismen sollten weltweit gekennzeichnet sein Von Renate Künast

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Aus den USA kommt Kritik am Umgang der EU mit gentechnisch veränderten Lebens und Futtermitteln: Dort will man keine Kennzeichnung solcher gentechnisch veränderten Organismen (GVO) – um die Verbraucher gar nicht erst zu verunsichern. Selbstverständlich spielen auch Interessen internationaler Saatgutkonzerne dabei eine wichtige Rolle. Aus unserer Sicht entspricht dieser Ansatz nicht dem inzwischen weltweit geschätzten Verbraucherrecht auf Wahlfreiheit und Information.

Die Kritik der USA wird vor allem moralisch begründet: Die Europäer sollten ihren Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen für eine effektivere Bekämpfung des Welthungers ändern. Diese Ansicht teile ich nicht. Denn nicht nur die Europäer haben große Vorbehalte gegenüber gentechnisch veränderten Organismen, auch in den USA wächst die Gruppe der Skeptiker. Auch viele so genannte Entwicklungsländer wollen keine GVOs anbauen. Sie haben Sorge vor möglichen gesundheitlichen und ökologischen Risiken. Sie haben vor allem Angst, den Anbau nicht wirklich kontrollieren zu können. Deshalb wollen einige von ihnen auch keine GVOs im Rahmen der Nahrungsmittelhilfe in ihr Land lassen. Schließlich können sie nicht sicherstellen, dass doch ein Teil des Getreides im nächsten Jahr als Saatgut verwendet wird.

Nahrungsmittelhilfe darf jedoch nicht benutzt werden, um gentechnisch veränderte Organismen „hoffähig“ zu machen. Die Empfängerländer dürfen nicht unter Druck gesetzt werden, Lieferungen anzunehmen, die sie aus etwa aus ethischen oder ökologischen Gründen nicht annehmen wollen.

Die EU verfolgt bei gentechnisch veränderten Organismen eine andere Strategie als die USA. Wir richten uns klar an Verbraucherschutzinteressen aus. Wir haben uns das Ziel gesetzt, den Anbau von GVOs mit hohen Transparenzauflagen zuzulassen. Bis dahin existiert ein Moratorium. Wir wollen eine klare Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit der Produkte. Denn die Verbraucher in der EU wollen wissen, ob sie GVOs konsumieren oder Lebensmittel aus gentechnikfreiem Anbau.

Das Dilemma der sogenannten Dritte-Welt-Staaten, die jetzt über ihre Exportstrategien entscheiden müssen, ist offensichtlich. Sie sehen sich in einer „Sandwich-Position“ und unter dem Druck entscheiden zu müssen, wohin die geplanten Exporte gehen sollen: In die EU und das heißt jetzt gentechnikfrei oder gekennzeichnet oder in die USA ohne Transparenzregeln.

Aus unserer Sicht haben die Entwicklungsländer berechtigte Sorge vor neuen Abhängigkeiten von Saatgutunternehmen und eine weitere Verschlechterung der Situation vor allem der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass der Mangel an Nahrungsmitteln vor allem auf mangelnden Zugang zu wesentlichen Ressourcen wie Saatgut, Land, Wasser, Wald, aber auch Bildung und Medizin zurückzuführen ist. Hunger ist vor allem ein Verteilungs- und Gerechtigkeitsproblem und nicht nur ein Problem der Technologie. Deshalb halten wir GVOs nicht für das „Allheilmittel“ gegen den „Hunger in der Welt“.

Beim Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen geht es nicht um einen „Ruf der Humanität“, wie der US-Handelsbeauftragte Robert B. Zoellick formulierte, sondern vielmehr um die Frage der Wahlfreiheit und der Absatzmärkte. Das schließt übrigens den Zugang von US-Saatgutfirmen zu afrikanischen Märkten mit gentechnisch verändertem Saatgut mit ein.

Ich hoffe, dass sich die USA auf internationalem Parkett in die Diskussion begeben. Die Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU, in den USA und auch in den so genannten Entwicklungsländern haben ihre Rechte längst erkannt und erwarten selbstverständlich deren Verwirklichung. Die EU hat dazu ein gutes Regelwerk auf den Weg gebracht. Jetzt stehen andere Nationen vor der Aufgabe, einen verbraucherorientierten Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen zu sicherzustellen

Die Autorin ist Bundesverbraucherministerin. Foto:dpa

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