Wissenschaft : Wer denken will, muss fühlen

Macht Liebe wirklich blind? Ein vernunftbetontes Leben kann ohne Emotionen nicht gelingen.

Bas Kast

Angst, Ekel, Trauer, Wut – Gefühle genießen in unserer westlichen, aufgeklärten Kultur nicht gerade einen guten Ruf. Sogar positive nicht unbedingt, wie die Liebe: So schön sie ist, die Liebe, sie vernebelt doch auch unseren Verstand. Macht uns blind.

Diese Geringschätzung reicht weit zurück bis an die Wurzeln unserer Geistesgeschichte. Schon Platon hatte für unsere Gefühle vor allem Verachtung übrig: Angst zum Beispiel erschien dem griechischen Philosophen als „dummer Ratgeber“. Bis heute empfinden viele von uns, Gefühle seien etwas Niederes, dem Verstand unterlegen. Meist halten wir sie einfach nur für dumm, manchmal sogar für gefährlich.

Gepuscht wurde dieses Urteil oder Vorurteil lange Zeit nicht zuletzt von der Wissenschaft. Ja, gerade sie hat das Bild vom Menschen als „animal rationale“ (Aristoteles) immer wieder vorangetrieben, verteidigt und in ein modernes Gewand gekleidet. So hielten noch in den achtziger Jahren die meisten Forscher unser Gehirn für einen Computer. Man sprach von Hard- und Software, ohne mit der Wimper zu zucken, und das, obwohl es diese Trennung im Gehirn genauso wenig gibt wie die von Gefühl und Verstand. Die Computermetapher nährte das rationale Bild, das wir über die Jahrhunderte von uns selbst geschaffen hatten. Das, was einen Computer auszeichnet, sind schließlich nicht seine Gefühle oder sein Gespür, sondern, genau umgekehrt, seine hochpräzisen, logischen Operationen.

Allmählich standen den Forschern immer mächtigere Instrumente für ihren Vorstoß ins Ich zur Verfügung. Die Apparate haben es möglich gemacht, erstmals einen direkten Blick auf unsere „Festplatte“ zu werfen. Mit Hirnscannern wie der funktionellen Kernspintomografie lässt sich das menschliche Gehirn mittlerweile millimetergenau bei der Arbeit zusehen.

Und dabei hat sich ein ganz anderes Bild offenbart als das, was sich die Philosophen und Wissenschaftler so lange von uns gemacht haben. Überrascht stellen Hirnforscher fest, dass praktisch jeder Gedanke, jede Wahrnehmung und jede Erinnerung von Gefühlen begleitet wird. Die Computermetapher ist in sich zusammengebrochen. Stattdessen kommt man mehr und mehr zur Einsicht, dass wir ohne Gefühle gar nicht richtig denken und zu vernünftigen Entscheidungen gelangen würden.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert die Fallgeschichte von Elliot. Elliot war ein erfolgreicher Anwalt, bis man eines Tages einen Hirntumor von der Größe einer Mandarine in seinem Kopf entdeckte. Eine Operation war unumgänglich. Also schnitten Chirurgen den Tumor heraus und mit ihm einen Teil des Stirnlappens.

Wie sich herausstellte, hatte man mit dem Eingriff in sein Gehirn auch tief in Elliots Persönlichkeit eingriffen. Elliot war nicht mehr der alte Elliot. Auf der Arbeit war er vollkommen verloren. Nahm er sich vor, seinen Schreibtisch aufzuräumen, konnte er stundenlang darüber grübeln, nach welchem Prinzip er die Papiere und Dokumente bloß sortieren sollte. Irgendwann fing er damit an, nur um sich kurz darauf in eines der Dokumente zu vertiefen und darüber ganz das Aufräumen zu vergessen.

So ging es Tag für Tag – bis Elliot gekündigt wurde. Auch seine Ehe ging in die Brüche. Elliot tat sich mit einem dubiosen Geschäftspartner zusammen, schlug alle Warnungen seiner Freunde in den Wind, machte Bankrott und landete schließlich bei Antonio Damasio, dem neben Oliver Sachs wohl berühmtesten Neurologen der Welt.

Der Arzt untersuchte ihn wochenlang. Rein intellektuell war mit Elliot alles in Ordnung: Er sprach normal und hatte keinerlei Gedächtnisprobleme. Sein IQ lag sogar deutlich über dem Durchschnitt. Erst nach einer Weile wurde Damasio klar, dass es Elliot zwar nicht an Wissen und nicht an Intelligenz fehlte, dafür aber an etwas anderem, und dass dies die Ursache für sein Versagen im Alltag war: Elliot mangelte es an Gefühl. Von Anfang an war dem Neurologen das distanzierte, kühle Verhalten des Mannes aufgefallen: Über sein eigenes trauriges Schicksal berichtete Elliot, als sei es eine Nachricht aus der Zeitung.

Ein Test brachte das ganze Ausmaß von Elliots Gefühllosigkeit ans Tageslicht. Als ein Kollege Damasios Elliot Bilder von brennenden Häusern und ertrinkenden Menschen vorlegte, blieb Elliot völlig regungslos. Die Szenen schienen ihn nicht im Geringsten zu berühren. Sie ließen ihn kalt. Er entgegnete nur, er merke, das Themen, die ihn einst sehr erregt hätten, jetzt keinerlei Reaktionen mehr in ihm hervorriefen, weder positive noch negative. Elliot, der Mann ohne Gefühle.

Wenn es nach den Stoikern ginge, hätte Elliot eigentlich der Inbegriff der Weisheit sein müssen. Doch das genaue Gegenteil war der Fall: Elliots Apathie hatte ihn nicht zum Weisen gemacht, sondern zum Trottel. Vernünftige Entscheidungen konnte er nicht mehr treffen, weil sich jede Entscheidung für ihn gleich anfühlte, nämlich nach gar nichts.

Gefühle sind nicht „dumm“, im Gegenteil, sie sind Teil unserer Intelligenz. Sie machen uns handlungsfähig und stellen so etwas wie den Treibstoff des Denkens dar. Zu diesem Ergebnis kommen inzwischen nicht nur Neurologen und Hirnforscher, sondern selbst Roboterforscher. Der Grund dafür ist: Gefühle sind kein Gegenspieler des Verstands, vielmehr arbeiten Gefühl und Verstand Hand in Hand. Gefühle verändern den Spielmodus des Gehirns. Ein Gefühl wie die Angst schaltet bestimmte Hirnteile an, andere ab. Je nach Gefühl, sehen wir die Welt also anders, mit anderen Augen, genauer gesagt: mit einem anderen Hirn.

Jeder weiß, dass man in einer depressiven Verstimmung anders denkt und völlig anders auf die Welt und sich selbst blickt als sonst. Alles ist schlecht. Alles, was einem einfällt, ist negativ. In guter Stimmung ist es genau umgekehrt.

Gerade, indem Gefühle uns die Welt in einem stets anderen Licht erscheinen lassen und unterschiedliche Assoziationen in uns wecken, werden sie zum Motor des kreativen Denkens. Es ist wohl kein Zufall, dass just Künstler und Menschen, die wir als Genies bezeichnen, oft mit einem turbulenten Gefühlsleben zu kämpfen hatten. Ernest Hemingway litt unter manisch-depressiven Verstimmungen, die ihn schließlich in den Selbstmord trieben ebenso wie Sylvia Plath oder Virginia Woolf.

Doch nicht nur Schriftsteller litten und leiden unter solchen emotionalen Stürmen, sondern auch Genies, die wir als eher „rational“ bezeichnen würden, wie der Mathematiker Georg Cantor, dem wir die Mengenlehre verdanken, oder Norbert Wiener, der Erfinder der Kybernetik.

Der Versuch, die Gefühle auszuschalten, wie es die Stoiker im Sinn hatten, ist nicht nur unsinnig, er wäre auch unproduktiv. Denn wer denken will, muss fühlen.

Der Autor ist Wissenschaftsredakteur des Tagesspiegel. Der Text ist ein Auszug aus seinem neuen Buch „Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition“, das morgen bei S. Fischer erscheint.

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