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Wissenschaftskolumne : Der Wille kann nur wollen, was das Hirn entscheidet

13.03.2013 13:24 Uhrvon
Wer bestimmt, was wir tun und lassen? Das Hirn? Der freie Wille? Oder ist das alles eins?Bild vergrößern
Wer bestimmt, was wir tun und lassen? Das Hirn? Der freie Wille? Oder ist das alles eins? - Foto: AFP

Warum wir Abschied vom freien Willen nehmen sollten - und trotzdem weder die Moral noch unser Rechtssystem aufgeben müssen.

Als der amerikanische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer gefragt wurde, ob er an den freien Willen glaube, antwortete er: „Natürlich glaube ich daran – ich habe ja keine Wahl!“ Singers gewitzte Antwort bringt auf den Punkt, was das Thema „freier Wille“ so vertrackt macht. Auf der einen Seite erscheint er selbstverständlich. Auf den ersten Blick scheine ich die Wahl zu haben, ob ich die linke oder die rechte Hand hebe, Tee oder Kaffee trinke. Auf der anderen Seite ist es in Wirklichkeit mit der Freiheit beim Entscheiden doch nicht so weit her. Freiheit ist in der Natur nicht vorgesehen, der unerbittliche Lauf der Welt kennt kein „mal so, mal so“, kein „ich kann auch anders“.

Von der befruchteten Eizelle bis zum fertigen Menschen mit seinen Billionen von Zellen, an keiner Stelle fährt ein freier Wille in den Körper ein und entscheidet von da an völlig ungebunden, was wir zu tun und zu lassen haben. Auch wenn’s der Intuition widerspricht, werden wir uns vom freien Willen, diesem erhabenen Phantom der abendländischen Geistesgeschichte, verabschieden müssen.

Voraussetzung für willentliche Entscheidungen ist das Bewusstsein. Das wiederum verdankt sich der Aktivität von Nervenzellen, ihrem vielstimmigen Geflüster und Getuschel. Das Bewusstsein verleitet uns zu der Idee, wir seien Herren im eigenen Haus, könnten frei schalten und walten. Wie eine Fee scheint unser Ich über dem Räderwerk des Gehirns zu schweben, um diesen oder jenen Hebel umzulegen und den Gang der Dinge im Maschinenraum des Geistes zu steuern.

In Wahrheit ist’s umgekehrt, die Fee gleichsam ein Hirngespinst, abhängig von materiellen Voraussetzungen. Zum Beispiel, ganz trivial, von ausreichend Traubenzucker im Blut. Sinkt dessen Konzentration unter ein Limit, zum Beispiel durch eine Überdosis Insulin, gehen im nun unterversorgten Gehirn buchstäblich die Lichter aus. Das Bewusstsein erlischt, weil der Treibstoff fehlt.

Inzwischen können Wissenschaftler einen Blick in den Maschinenraum unter der Schädeldecke werfen. Mit modernen Verfahren lassen sich Aktivitätsmuster im Gehirn ausmachen, die einer „freiwilligen“ bewussten Entscheidung zum Teil um Sekunden vorausgehen, wie der Hirnforscher John Dylan-Haynes von der Humboldt-Universität gezeigt hat. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Wille nur wollen kann, was das Gehirn vorher entschieden hat. Geeignete Messgeräte vorausgesetzt, kann ein Forscher im Labor mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, ob die Versuchsperson die rechte oder linke Taste einer Computermaus drücken wird.

Um sich die Grenzen unserer Freiheit klarzumachen, bedarf es aber nicht der Hirnforschung. Es genügt ein wenig Selbsterforschung, wie der amerikanische Neurowissenschaftler und Buchautor Sam Harris in seinem Essay „Free Will“ zeigt. Wo mein Wunsch herrührt, heute einmal Marmelade statt wie gewohnt Käse zum Frühstück aufs Brot zu streichen, bleibt letztlich im Dunkeln. Wir wissen nicht, was wir beabsichtigen, bis die Absicht selbst erscheint, schreibt Harris. Wir sind nicht die „Autoren unserer Gedanken“, sie tauchen aus dem Nebulösen auf und drängen sich in das Bewusstsein. Die Annahme eines freien Willens zeigt einfach, dass wir diese Tatsache nicht anerkennen wollen.

An dieser Stelle angekommen, tappen manche in die Fatalismus- Falle. Wenn der Mensch keinen freien Willen hat, dann sind wir seelenlose Automaten, deren mechanisches Dasein von der ersten bis zur letzten Schraubenwindung vorherbestimmt ist. Nicht ganz. Wir wägen ab, wählen aus, entscheiden, setzen uns Ziele, überwinden uns vielleicht sogar selbst, und alles was wir tun, beeinflusst unsere Umwelt. Und natürlich tun wir das, weil wir einen Willen haben. Auch wenn der nicht so frei und voraussetzungslos ist wie gedacht.

Und was ist mit Gut und Böse? Wenn der Mensch nicht Herr seiner selbst ist, was wird dann aus unseren moralischen Kategorien, aus Schuld und Sühne? Die neuen Erkenntnisse helfen, diese Fragen in anderem Licht und mit Abstand zu betrachten, so wie ein Astronaut die Erde. Allerdings könnte der freie Wille zu jenen Illusionen gehören, die sich erstaunlicher Langlebigkeit erfreuen. Auf der anderen Seite gibt es auch bei seinem Ableben keinen Grund, ein im Prinzip bewährtes Rechtssystem aus den Angeln zu heben.

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