Wissenschaftskolumne : Eitel genug für ein eigenes Kapitel in der Erdgeschichte

Viele Wissenschaftler meinen, es sei Zeit, ein neues geologisches Zeitalter auszurufen: Das "Anthropozän", die Epoche, in der der Mensch begann, Landschaften zu gestalten. Doch wem nützt eigentlich diese Debatte?

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Mit dem Braunkohletagebau wie hier bei Garzweiler in NRW gräbt sich der Mensch tief in die Erde. Aber reicht das, um ein eigenes geologisches Zeitalter nach ihm zu benennen? Foto: p-a
Mit dem Braunkohletagebau wie hier bei Garzweiler in NRW gräbt sich der Mensch tief in die Erde. Aber reicht das, um ein eigenes...Foto: p-a

Seit mindestens zwei Millionen Jahren hinterlässt der Mensch Spuren auf der Erde. Anfangs waren sie klein, kaum länger als von der Ferse bis zum großen Zeh. Inzwischen sind sie sogar vom Weltall aus zu sehen: die Krater der Braunkohletagebaue in Brandenburg, die tropischen Plantagen, an deren Stelle noch vor wenigen Jahren üppiger Regenwald wuchs oder die gezähmten Flüsse, flankiert von Deichen und Spundwänden – sofern sie überhaupt noch fließen und ihr Wasser nicht für die Landwirtschaft und die Industrie abgezweigt wurde.

Aber sind die Spuren des Homo sapiens groß genug, um eine neue geologische Epoche danach zu benennen? Genau darum geht es bei dem Ansinnen von immer mehr Wissenschaftlern, das nacheiszeitliche Holozän (es begann vor 11 700 Jahren) für beendet zu erklären und das Anthropozän auszurufen: das Zeitalter, in dem der Mensch die Erde so tiefgreifend verändert, dass ihm ein eigenes Kapitel im Geschichtsbuch des Planeten zusteht.

Der Gedanke ist einige Jahrzehnte alt. Vor 13 Jahren machte ihn der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen einem größeren Publikum bekannt. Damit startete eine atemberaubende Karriere. Umweltforscher im weitesten Sinne griffen die Idee vom Anthropozän auf, der Verlag Elsevier bringt dieser Tage sogar ein gleichnamiges Fachmagazin auf den Markt. Auch Geisteswissenschaft und Kunst entdeckten die „Menschenzeit“ für sich, wie das aktuelle „Anthropozän-Projekt“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zeigt.

Das Anthropozän ist irgendwie schick. Allerdings interpretiert jeder etwas anderes in den Begriff hinein, so dass er am Ende doch nur eine luftige Hülle sein könnte, die keiner braucht.

Zumindest die Geologen müssen sich auf eine klare Beschreibung einigen, wenn sie darüber entscheiden wollen, ob das Anthropozän den Status einer eigenen Epoche erhält. Dazu arbeitet derzeit eine 23-köpfige Expertengruppe an einer Stellungnahme. Sie muss klären: Ist der Einfluss des Menschen tatsächlich so groß, dass er in geologischen Maßstäben eine entscheidende Rolle spielt? Beispiel Tagebaue. Das sind heute gewaltige Löcher. Doch wenn der Mensch plötzlich verschwände, dürfte es nur wenige Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern und die Natur holte sich diese Räume zurück. Ist das bedeutsam angesichts von 4,5 Milliarden Jahren Erdgeschichte? Es bleibt der Eindruck, dass der Mensch sich vielleicht etwas zu wichtig nimmt, wenn er eine eigene Epoche nach sich benennen will.

Das zweite Problem besteht darin, sich auf den Beginn des Anthropozäns zu einigen. Normalerweise sind geologische Epochenwechsel anhand bestimmter Merkmale weltweit in Gesteinen zu erkennen: durch das Vorhandensein bestimmter Fossilien oder zum Beispiel durch einen erhöhten Gehalt des Elements Iridium, das von einem Asteroidentreffer vor 66 Millionen Jahren zeugt. Überall auf der Welt, wo es Ablagerungen aus dieser Zeit gibt, können Forscher den Finger auf die entsprechende Schicht legen und sagen: Hier ist die Grenze zwischen der Kreidezeit und dem Paläogen, zu dieser Zeit starben die Dinosaurier aus.

Crutzen schlägt vor, den Beginn des Anthropozäns ebenfalls mit einem geochemischen Signal zu verbinden. Der Fallout der Atombomben seit 1945 ist weltweit durch bestimmte Isotope nachweisbar. Seit jener Zeit, so argumentiert er, habe Homo sapiens so massiv in die Erde eingegriffen, dass man von einem neuen Zeitalter sprechen könne. Andere sagen, das habe schon im 19. Jahrhundert begonnen, als die Menschheit anfing, massenhaft Kohlendioxid in die Luft zu blasen, und so das Klima veränderte. Archäologen wiederum führen ins Feld, dass der Mensch bereits vor 11 000 Jahren mit Beginn der Landwirtschaft die Welt gestaltete und etwa beim Reisanbau große Mengen des Treibhausgases Methan freisetzte. Die Liste der Streitpunkte ließe sich fortsetzen. Die Chancen auf rasche Einigung sind schlecht.

Würde sie etwas nützen? Seit langem denken die Wissenschaftler Mensch und Erde zusammen, erforschen die bekannten Spuren und versuchen zu ergründen, wie sie in Zukunft aussehen werden. Ob das formale Ausrufen des Anthropozäns diese Arbeit verbessert oder unser Verhalten grundsätzlich ändert – und nur darum geht es – ist zu bezweifeln.

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