WM 2022 in Katar : Raus aus dem Backofen, rein in die Weihnachtszeit

Eine Fußball-Weltmeisterschaft im Winter begrenzt den Schaden, den die Vergabe des Turniers an Katar angerichtet hat. Doch es sind auch noch einige Probleme zu lösen. Ein Kommentar.

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Die bekannteste Silhouette der Fifa - demnächst im Europarat.
Die bekannteste Silhouette der Fifa - demnächst im Europarat.Foto: dpa

Der WM-Pokal unterm Baum – kann es ein schöneres Weihnachtsgeschenk für deutsche Fußballfans geben? Diese wirr klingende Vision könnte in fast acht Jahren Wirklichkeit werden, wenn die Weltmeisterschaft in Katar höchstwahrscheinlich im November und Dezember ausgetragen wird. Ein vorweihnachtliches Endspiel, womöglich sogar am 23. Dezember, ist trotzdem kein Geschenk vom Weltverband Fifa. Sondern ein Trostpreis und eine Schadensbegrenzung.

Gluthitze von 50 Grad

Natürlich wäre es am besten gewesen, das Turnier gar nicht erst an Katar zu vergeben. Diese ursprüngliche Entscheidung wird die Fifa trotz aller Proteste und berechtigter Bedenken aber nicht mehr zurücknehmen. Zu groß wäre der finanzielle und politische Schaden, den der Weltverband dadurch erleiden würde. Die Verlegung der Weltmeisterschaft in den Winter wird die Kritiker nicht verstummen lassen, sie macht es aber überhaupt erst möglich, das weltgrößte Sportereignis am Golf durchzuführen. Die Alternative – ein Turnier in der sommerlichen Gluthitze von 50 Grad und mehr – wollten sogar die selbstherrlichen Fußballfunktionäre Spielern und Fans aus aller Welt nicht zumuten.

Fußball-Weltmeisterschaft 2022: Wer will was?
DIE FIFA: Zähneknirschend mussten FIFA-Boss Joseph Blatter (r.) und sein Generalsekretär Jérôme Valcke (l.) eingestehen, dass eine Sommer-WM ein zu hohes Risiko ist. Mittlerweile verkauft Blatter den Termin im November/Dezember als seine Idee. Der Vorschlag Januar/Februar war für den Weltverband unrealistisch, da die Kollision mit Olympia auch die Sponsoren des Weltverbandes verschrecken würde. So richtig glücklich über die Katar-WM ist aber auch bei der FIFA keiner mehr.Alle Bilder anzeigen
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Raus aus dem Backofen, rein in die Weihnachtszeit – so lautet nun die Losung für deutsche Fußballfreunde. Für diesen Schritt nimmt die Fifa in Kauf, dass sie es sich mit nahezu allen anderen Fußballinstitutionen verdirbt: mit dem europäischen Verband Uefa, der seine lukrative Champions League gefährdet sieht; mit den Vereinen von der ersten Liga bis runter zu den Amateuren, von Real Madrid bis Eintracht Südring, deren Spielbetrieb sich an dem Weltereignis in Katar orientieren muss; und mit den europäischen Fans, die ihre Sommer zwischen Fernseher, Kneipe und Fanmeile lieb gewonnen haben. Die Schockwellen der gestrigen Entscheidung werden lange und stark zu spüren sein. Rund 50 Spitzenligen weltweit dürften betroffen sein, und das über die drei Spielzeiten 2021/22, 2022/23 und 2023/24 hinweg.

Public Viewing auf dem Weihnachtsmarkt

Aus europäischer Sicht vergisst man gerne, dass nicht nur wir mit lieb gewonnen Guck- und Grillgewohnheiten brechen müssen. Völlig offen ist beispielsweise, was mit dem Afrika-Cup passiert, der eigentlich im Januar 2023 starten sollte. Auf die Fifa kommen hohe Schadenersatzforderungen zu. Angesichts der garantiert gigantischen Umsätze durch das WM-Turnier (und die bei vergangenen WM-Vergaben wohl erhaltenen Millionen) wird der reiche Verband das aber verschmerzen.

Als Präzedenzfall taugt Katar nur bedingt, so extrem wie auf der arabischen Halbinsel sind die klimatischen Bedingungen kaum irgendwo. Wahrscheinlich wird der Fußball nach 2022 also schnell zum Alltag zurückkehren. Wenn der Gastgeber Katar nicht in vielerlei Hinsicht so umstritten wäre, könnte man sich fast auf die Abwechslung freuen. Die Fußballwelt im Abendland jedenfalls wird von einer Winter-WM im Morgenland nicht untergehen – aber gehörig durchgeschüttelt. Immerhin bleiben sieben Jahre Zeit, um sich auf einen zerhackten Bundesliga-Spielplan und Public Viewing auf dem Weihnachtsmarkt einzustellen.

Und vermutlich auf Lametta in Schwarz-Rot-Gold.

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