Meinung : Wo bleiben die Geigen?

Von Marius Meller

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Er trommelt wieder. Und wie. 1959 gab der große literarische Trommler Günter Grass durch den spektakulären Auftritt seines frechen Oskar Matzerat der jungen Bundesrepublik den Grundrhythmus für gut zwei Jahrzehnte Debattenmusik vor. War nicht das widerborstige „Oskarchen“ aus der „Blechtrommel“ der Ahnherr eines spezifisch deutschen Typs von „Achtundsechziger“? Die eine Hand in den NaziWunden der Eltern grabbelnd, in der anderen ein gutes Glas Rotwein? Grass jedenfalls ist der Repräsentant der Intellektualität, die sich einmischt: vom Wahlkampf für „seine“ Willy-„EsPeDe“ über sein ökologisch-pazifistisches Engagement („Die Rättin“) und die Dauerkritik an der Wiedervereinigung bis hin zur Deutsche-als-Opfer-Debatte.

Nun ist unser Literaturnobelpreisträger in der „Zeit“ dem Heuschrecken-Dompteur Franz Müntefering nicht mit einem Blechtrömmelchen, sondern gleich mit einer Riesenpauke zur Seite gesprungen: Das Parlament sei „nicht souverän“, es missrate „zur Filiale der Börse“. Die Demokratie unterwerfe sich „dem Diktat des global flüchtigen Kapitals“. Und so weiter und so fort. Da hat es den Anschein, als sei hier ein Text aus den Sechzigern geringfügig aktualisiert worden.

Ein großer Autor wie der 77-jährige Grass hat irgendwann seinen Stil gefunden (vor 50 Jahren), daran ist nichts auszusetzen, wenn er gut ist. Eher schon daran, dass er ökonomisch-politische Subtilität beim ideologisch aufgeladenen Thema der Kapitalismuskritik vermissen lässt. Abwegig ist, gleich das ganze parlamentarische System der Bundesrepublik zu quasi Weimarer Verhältnissen zu verschwiemeln. Hier hat sein Text leider etwas von denen der Radikalkonservativen, die wie Arnulf Baring gleich nach Präsidialdekreten und Barrikadenbau rufen, wenn ihnen etwas nicht passt.

Grass’ Provokation liegt im Stilistischen, im Einrasten in alte Schlagwortprosa. Gewiss ein nachdrücklicher Vitalitätsbeweis, aber keiner will sich ungefragt in den Sechzigern wiederfinden. Die Kapitalismusdebatten von ’68 und heute sind verschieden. „Freie“ oder „Soziale Marktwirtschaft“ in Zeiten der Globalisierung ist ein Thema, das sich vor 40 Jahren erst langsam abzeichnete. Das Schlagwerk hat getönt. Jetzt sind die Streicher dran.

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