Meinung : Wo der Feind verschwunden ist

Die US-Armee räumt Stützpunkte in Deutschland – eine Strafaktion für das Nein zum Irakkrieg ist das nicht

Robert Birnbaum

Es gibt Vermutungen, die sind derart nahe liegend, dass sie jeden Stammtisch sofort überzeugen. Als ungefähr vor Jahresfrist die ersten Meldungen über einen bevorstehenden Abzug größerer Teile der US-Armee aus Deutschland publik wurden, als obendrein ruchbar wurde, dass die Amerikaner im Gegenzug in osteuropäischen Staaten neue Stützpunkte planten, da war dem Stammtisch klar: Jetzt kriegt das alte Europa die Quittung für sein Nein zum Irakkrieg und das neue seinen Lohn fürs Mitmachen.

Nun, wir müssen den Stammtisch enttäuschen. Die Abzugspläne haben mit Strafe nichts zu tun. So wichtig, dass sie deswegen ihre Stationierungsplanung ändern würden, ist das kleine Deutschland für die Strategen im US-Verteidigungsministerium nämlich nicht. Es geht um Weltpolitik. Es geht um einen Umbau der US-Armee, der sich gar nicht so grundlegend von jenem Umbau unterscheidet, den Bundesverteidigungsminister Peter Struck der Bundeswehr verordnet hat. In beiden Fällen ist eine Konsequenz die, dass Standorte verlegt, geschlossen, zusammengelegt werden. In beiden Fällen sind ja auch die Ursache die gleichen: das Ende des Kalten Krieges einerseits, das Auftauchen neuer Bedrohungen andererseits.

Tatsächlich gibt es verblüffende Parallelen bis in technische Details hinein. So wie die Bundeswehr sich von einem Großteil ihrer überflüssig gewordenen Panzerarmee trennt, wollen die Amerikaner ihre schweren mechanisierten Kräfte abziehen und durch leichte Infanterie mit mobilen Panzerfahrzeugen ersetzen. Die Front künftiger Kriege verläuft eben höchstwahrscheinlich nicht mehr an Fulda und Elbe, sondern eher entlang von Flüssen mit fremdartigen Namen: Euphrat und Tigris zum Beispiel oder Amur Darja. Folgerichtig bauen die USA das Netz ihrer Stützpunkte so um, dass sie Waffen, Gerät, Flughäfen in der Nähe potenzieller Krisenherde haben: also im Nahen Osten, im Grenzgebiet zu Afghanistan, in Dschibuti in Ostafrika, im Pazifik – nicht in Würzburg. Von Rumänien aus ist man zwei Flugstunden schneller im Nahen Osten als von der Pfalz oder der Eifel. Für die letzte Weltmacht unserer Tage ist das ein weitaus wichtigeres Kriterium als die Frage, ob ein paar deutsche Oberbürgermeister um Kaufkraftverluste in ihren Gemeinden fürchten und zum Zwecke des Erhalts des Status quo wortreich die deutsch-amerikanische Freundschaft beschwören.

Natürlich ist es für diese Gemeinden nicht schön, wenn auch die letzten Amerikaner ihr Marschgepäck packen. Dass gut die Hälfte der 71 000 US-Soldaten in Deutschland abziehen soll, ist mehr, als bisher erwartet worden war. Dass große Basen, allen voran der Luftbahnhof Ramstein in der Pfalz, aber auch der Kampfjet-Flugplatz Spangdahlen in der Eifel, voraussichtlich erhalten bleiben, ist für die anderen auch kein Trost. Aber das alles ändert nichts daran, dass die neue US-Standortplanung nicht nur aus amerikanischer Sicht sinnvoll ist, sondern letzten Endes auch aus bundesdeutscher. Wenn die Bundeswehr neuerdings Deutschland vorwiegend am Hindukusch verteidigt, gilt diese neue Orientierung für die USA erst recht. Wir haben die Amerikaner hierzulande gebraucht und gerne gesehen, als der Feind vor unserer Tür stand. Dass sie gehen, wenn der Feind verschwunden ist, und dass sie dorthin gehen, wo jetzt Feinde zu vermuten sind – das ist nur folgerichtig.

Dass damit ein Bedeutungsverlust Europas für die geostrategische Weltmacht USA einhergeht, ist freilich ebenso richtig. Aber dieser Wechsel der Perspektive ist ja auch nicht erst mit dem Irakkrieg in Gang gekommen. Wenn die US-Militärplaner künftig dem pazifischen Raum mehr Aufmerksamkeit widmen, dort die Flotten- und Truppenpräsenz verstärken wollen, dann entspricht das nur einer Sichtweise auf künftige Machtzentren und Problemzonen, die weit über unsere europäische Nahbereichsbetrachtung hinaus geht. Um ein Modewort aus einem anderen Bereich zu nehmen: Was in Deutschland als amerikanischer Truppenabzug ankommt, ist in Wahrheit eine spezielle Form von Globalisierung.

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