Meinung : Wo die Liebe hinfällt

Tony Blair ist ein treuer Verbündeter von Bush – Einfluss auf ihn hat er kaum

Malte Lehming

Einer der besten Gründe, die „Bild“ zu lesen, ist ihre letzte Seite. Dort steht eine kleine Zeichnung. Sie heißt „Liebe ist …“ und liefert die täglich wechselnde Antwort auf diese Frage gleich mit. Meist ist sie auf naive Weise erbaulich. Am gestrigen Freitag war sie unfreiwillig komisch. Zu sehen war eine Frau mit einer Träne im Auge, die ihren Mann umarmt, er schwenkt eine weiße Fahne: „Liebe ist … den Waffenstillstand auszurufen“, stand darunter. Einen Tag zuvor hatte Osama bin Laden den Europäern einen Waffenstillstand angeboten. Die offenbar liebesunfähigen Europäer wiesen das Angebot zurück. Die Redaktion der „Bild“ überlegt womöglich noch.

Man kann sich ausgiebig über die Offerte Osamas amüsieren, interessant ist sie dennoch. Zum ersten Mal gibt sich der Terrorchef konziliant. Er zielt nicht auf die Herzen der Moslems, die er zum Hassglühen bringen will, sondern auf die vermeintlich angsterfüllten Europäer. Er versucht, die transatlantische Kluft, die sich durch den Irakkrieg aufgetan hat, zu vertiefen. Offenbar verfolgt bin Laden die Diskussionen darüber. Er will sie beeinflussen. Seine Propaganda ist flexibel, sie passt sich der politischen Großwetterlage an.

Die Absurdität seines Waffenstillstandsangebots könnte freilich den Blick darauf verstellen, wie angespannt das Verhältnis zwischen der US-Regierung und den meisten europäischen Staaten nach wie vor ist. Selbst Tony Blair, der engste Verbündete von George W. Bush, muss sich inzwischen fragen, was ihm seine Treue zum US-Präsidenten gebracht hat. Begründet hatte sie der britische Premier mit einer Formel, die zum Allgemeinplatz wurde: Nur wer mitmacht, kann Einfluss nehmen, wer abseits steht, beraubt sich seiner eigenen Gestaltungsmöglichkeit. Gestern standen Bush und Blair wieder, quasi Händchen haltend, vorm Weißen Haus. „Liebe ist … absolut bedingungslos“, könnte der Auftritt betitelt werden.

Aber stimmt die Logik, dass nur, wer mitmacht, Einfluss nehmen kann? Blair brüstet sich, Bush zu den UN getrieben zu haben. Am Ende begann der Irakkrieg ohne Billigung des UN-Sicherheitsrates. Blair glaubte, Bush dazu bewegen zu können, größeren Druck auf Israels Premier Ariel Scharon auszuüben. Das Gegenteil geschah. Es gibt kein Indiz dafür, dass Blairs Treue zu Bush den Lauf der Dinge in den vergangenen zwei Jahren maßgeblich beeinflusst hat.

Ähnlich deprimierend fällt die Bilanz vieler anderer Koalitionspartner der Bush-Regierung aus. Jeder Pole muss immer noch ein Visum beantragen, wenn er die USA besuchen will. Deutsche und Franzosen müssen das nicht. Gerhard Schröder wurde wieder gewählt, weil er gegen den Irakkrieg war, die Regierung des spanischen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar wurde abgewählt, weil sie zu eng an Amerikas Seite stand. Inzwischen wird Schröder freundschaftlich im Weißen Haus empfangen. Hingegen wird über die soldatischen Leistungen der Ukrainer im Irak in US-Zeitungen gespottet.

Die Bilanz ist mager: „Liebe ist … nutzlos.“ Nennenswerten Einfluss auf die US-Regierung haben weder die Briten, noch die Polen, Niederländer, Italiener oder Dänen gehabt. Die Regierungen dieser Länder haben sich bei ihren Völkern allenfalls unbeliebt gemacht durch ihre Allianz. Seit Mogadischu, wo pakistanische UN-Soldaten in den Barracken blieben, während die GIs kämpften, und Srebrenica, wo die Niederländer die Massaker der Serben tatenlos geschehen ließen, ist das Misstrauen im Pentagon gegenüber vielen Verbündeten ohnehin groß.

Thomas Barnett hat von 2001 bis 2003 im Büro von Donald Rumsfeld gearbeitet. Er weiß, wie man dort denkt. Am vergangenen Sonntag schrieb er in der „Washington Post“, die Europäer würden angesichts des globalen Terrorismus zur Hasenfüßigkeit tendieren. Deshalb sollte die US-Regierung sich lieber um Länder wie Russland, China und Indien bemühen, um die Koalition im Irak zu stärken. Dort spüre man die Gefahren des militanten Islam an den eigenen Landesgrenzen. Über die chinesischen Menschenrechtsverbrechen oder Putins Selbstherrlichkeit müsse man hinwegsehen. „Liebe ist … manchmal seltsam.“

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