Meinung : Wo die Seele nicht gern baumelt Von Malte Lehming

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Vom kommenden Jahr an dürfen Lehrer und Schüler in schleswig-holsteinischen Schulen nicht einmal mehr eine Kette mit einem kleinen Kreuz um den Hals tragen. Der Beschluss ist das Ergebnis eines Dilemmas. Ursprünglich sollte nur das muslimische Kopftuch verboten werden. Doch weil das, wie ein Urteil aus Baden-Württemberg gelehrt hat, gegen den Gleichheitsgrundsatz verstößt, wird nun gleich jedes religiöse Bekenntnis untersagt.

Wer glaubt, dem fehlt etwas. Wem’s gut geht, der braucht keinen Allmächtigen. So dachte man früher. Auf dem Höhepunkt des Säkularismus, im April 1966, veröffentlichte das US-Magazin „Time“ eine Titelgeschichte mit der Frage: „Ist Gott tot?“ Doch seitdem geht der Trend in eine andere Richtung. Immer mehr Menschen in immer mehr Ländern wenden sich einer Religion zu. Auch die Intensität des Glaubens wird stärker. Ohne den Islam säßen die Russen vielleicht noch in Afghanistan, ohne den Katholizismus hätte der polnische Antikommunismus schwerlich triumphiert, ohne die Evangelikalen gäb’s wohl keinen US-Präsidenten George W. Bush. Auch die Antiapartheidsbewegung in Südafrika verdankt ihren christlichen Wurzeln viel. Freiheit, Globalisierung, Demokratisierung: Der Glaube verschwindet durch diese Entwicklungen nicht, sondern er entfaltet sich.

In Deutschland ticken die Uhren anders. Der Berliner rot-rote Senat erfindet ein angeblich wertneutrales Pflichtfach Ethik, um den Religionsunterricht zu marginalisieren. Der Bau einer Moschee in Pankow stößt auf erbitterten Widerstand. Schleswig-Holstein verbietet gleich alle religiösen Symbole. Woher diese Angst? Die Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht. Um es einzuschränken, braucht der Gesetzgeber gute Gründe. Ist der Schulfriede oder die Neutralität in Gefahr, wenn eine Lehrerin ein Kopftuch trägt oder eineKette mit Kreuz? Global gesehen fällt der deutsche Säkularisierungsdrang nicht ins Gewicht. Er ist bloß ein Symptom der Seelenarmut.

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