Meinung : Wo ist Gott?: Auch mit den Zellhaufen

Stephan Reimers

In der Debatte um den Import von embryonalen Stammzellen laufen die Fronten durch alle Parteien, durch Kirchen und Berufsgruppen wie Mediziner oder Theologen. Wenn sich alle diese Menschen und auch alle diese Christen so uneinig sind, dann ist die Frage "Wo ist hier Gott?" tatsächlich dringend.

Wo ist Gott in unserer Welt? Auf diese Frage gibt uns die Bibel in allen ihren Geschichten eine deutliche Antwort: Gott ist bei denen, die leiden, die nicht zu ihrem Recht kommen, die ihre Stimme nicht selbst erheben können. Gott hat sich in unsere Welt begeben. Menschliches und göttliches Tun sind zwar nicht identisch, aber doch untrennbar ineinander verwoben. So ist der Mensch mit seinen erworbenen Fähigkeiten oft genug auch Gottes Werkzeug, gerade im Bereich der Medizin. Längst ist der Mensch am Anfang und am Ende des Lebens mit seinem Tun beteiligt, und es ist schwer zu sagen, in welchen Fällen Gott hier nicht mehr durch den Menschen wirken will.

Nach christlichem Verständnis ist der Mensch dadurch Mensch, dass Gott ihn ins Leben und in Beziehung zu sich gerufen hat. Diese Beziehung überträgt dem Menschen Verantwortung. Er kann sie wahrnehmen, weil er - wie Luther es gesagt hat - ein freier Herr aller Dinge und doch zugleich ein dienstbarer Knecht Gottes ist. Daraus ergibt sich seine Fähigkeit, zwischen dem Geschenkcharakter des Lebens und den Chancen modernster medizinischer Forschung abzuwägen. Gott steht also nicht prinzipiell auf der Seite der Gegner der Gentechnik.

Zu fragen aber ist, ob er im konkreten Fall nicht eher auf der Seite derjenigen steht, die ihren Mund nicht selbst auftun können, um zu protestieren. Embryonen können nicht einwilligen in die Forschung, die mit ihnen betrieben wird.

Für das Leben eines Menschen sind seine sozialen Beziehungen äußerst wichtig. Gelungenes Leben hängt davon ab, ob ein Mensch von Anfang an als jemand gewollt ist, der anderen unverfügbar ist. Es darf auf keinen Fall zwischen Menschen ein Verhältnis entstehen, in dem der eine Designer und der andere Produkt ist. Die Entscheidung, die am 30. Januar im Bundestag gefallen ist, ist nicht der Abschluss einer Debatte, sondern eher ein Doppelpunkt. Es kommt darauf an, was nach dem Doppelpunkt kommt, also wie wir mit dieser Entscheidung weiterarbeiten.

Ich hoffe, dass Gott in der nächsten Zeit mit denen ist, die bei bioethischen Entscheidungen wachsam bleiben und auf mögliche gefährliche Entwicklungen hinweisen.

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