Meinung : Wo ist Gott?: Berührung des Unendlichen

Wilhelm Schmid

Gott ist ein Begriff. Entscheidend ist, wie bei jedem Begriff, was darunter verstanden wird. Ein Romantiker wie Novalis war davon umgetrieben, lieber von einem X zu sprechen, denn jede Festlegung würde eine Eingrenzung und Relativierung bedeuten: unlösbares Problem jeder Theologie. Ein Mystiker wie Meister Eckart hatte Gründe, über Gott am liebsten schweigen zu wollen. All diese Festlegungen: Gott ein Mann, keine Frau, gut, nicht böse, Liebe, nicht auch Hass - man kann sich fragen, woher die Menschen das alles wissen und wie sich das vereinbaren lässt mit der Festlegung, dass Gott "alles" sei.

Insbesondere für Gerechtigkeit zu sorgen, überfordert seit altersher jeden Gott, darum sollten sich die Menschen besser selbst bemühen. Gott auf eine solche Qualität festzulegen, um ihn dann anzuklagen, war eine menschliche Unverschämtheit. Alle Festlegungen sind im Grunde verzichtbar, selbst diejenige, dass es Gott "gibt". Vielleicht geht es lediglich um die Annahme einer Möglichkeit, die dafür offen bleiben muss, dass es sich auch völlig anders verhalten kann.

Entscheidend ist die Möglichkeit des Bezugs zu einer Dimension über die Endlichkeit hinaus - und dieses "über hinaus" ist im Wortsinne "Transzendenz". Gerne stellen Menschen sich die Dimension der Transzendenz als ein ihre Existenz überwölbendes Gewölbe vor, das Unendlichkeit repräsentiert. Offenkundig bedürfen sie dieses Horizontes, damit ihr Denken und Fühlen nicht an der Mauer der Endlichkeit abprallt. Michelangelo hat diesem vorgestellten Gewölbe in der Sixtinischen Kapelle die sinnfälligste Gestalt verliehen. Inmitten seiner Bilder ist die gemalte Geschichte vom Berührtwerden des Menschen durch die Dimension des Unendlichen zu sehen: Von Fingerspitze zu Fingerspitze scheint der Funke überzuspringen, der Adam leben macht - oder ist es Adam, der durch seine Berührung Gott zum Leben erweckt? Ketzerischer Gedanke, aber vielleicht lassen sich die beiden Seiten der Berührung nicht voneinander trennen.

Moderne Gesellschaften befinden sich mitten in einem gesellschaftlichen Großexperiment, der "Verweltlichung". Eine stetig wachsende Zahl von Menschen, jedenfalls in der westlichen Welt, planetar gesehen eine kleine Minderheit, unternimmt den Versuch, ein Leben ohne Transzendenz zu leben. Es ist ungewiss, ob er sich bewährt. Angenommen, ein solches Leben erweist sich auf Dauer als unlebbar und das Experiment scheitert in historisch überschaubarer Zeit: Was dann? Wenn die traditionelle Religion für viele nicht mehr zugänglich oder die Rückkehr zu ihr nicht erwünscht ist, dann wird sich die Frage stellen, ob sich die Transzendenz auch anders, nämlich weltlich denken lässt, und ob sich so etwas wie eine säkulare Religiosität, ein Bezug zur Transzendenz auf weltliche Weise und aus freien Stücken, neu begründen lässt.

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