Meinung : Wo ist Gott?: Furcht vor der Gottlosigkeit

Gregor Gysi

Prälat Jüsten kommentierte in dieser Kolumne eine Äußerung von mir über meine Furcht vor einer gottlosen Gesellschaft. Er sieht bei mir ein zwar positives, aber instrumentelles Verhältnis zur Religion. Meinem Ja zur Religion als Wertebegründerin und Wertevermittlerin ermangele es des Anerkenntnisses Gottes als Religionsstifter. Beides ist wahr. Aber ich sehe darin eher etwas Positives. Ein instrumentelles Verhältnis zu Gott hatten in nicht wenigen historischen Epochen gerade Teile der Kirchen, besonders der katholischen. Gläubig allein genügte ihr nicht, rechtgläubig sollte man sein. Wer "falsch" glaubte, wurde verfolgt. Es kam zu Kriegen, kolonialisierenden Missionierungen, Pogromen, Folter und Strafe, zu Kirchenspaltungen und Reformation. In dem Maße, in dem Kirchen von wirtschaftlicher und politischer Macht getrennt wurden, besannen sie sich ihrer eigentlichen Funktion. Durch die Aufklärung und die Entdeckungen Darwins gerieten die Religionen und vor allem die Schöpfungsgeschichte ins Wanken. Seitdem wächst die Zahl derjenigen, die Gott einerseits, Naturgesetze und den Glauben an die Erkennbarkeit der Welt andererseits, als Alternativen sehen und deshalb nicht an Gott glauben.

Mit dem so genannten real existierenden Sozialismus begann ein neuer Kampf. Nicht mehr, welche Religion die Rechte sei, war die Frage, sondern jede Religion sollte überwunden werden. Wieder gab es Verfolgungen. Aber auch dieser Kampf musste scheitern. An die Stelle von Kriegen, Verfolgungen und Auseinandersetzungen setzt der vernünftigere Teil der Menschheit heute die Toleranz, zwischen Religionen und Kirchen, aber auch zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Mein Anliegen ist es, einen Schritt weiter zu gehen. Ich will Gläubige, Religionen und Kirchen nicht nur tolerieren, sondern ihren Wert für Gesellschaften und damit auch für Nichtgläubige erkennen und vermitteln. Wer begründet zum Beispiel heute Ethik, und zwar einigermaßen verbindlich? Der erste Sozialismusversuch ist so gescheitert, dass sich Ethik heute nicht mehr glaubwürdig mit sozialistischen Ideen begründen lässt. Während der Existenz des Sozialismus war seine Ethik entindividualisierend mit schlimmen Folgen. Im übrigen waren etwa Walter Ulbrichts "10 Gebote der sozialistischen Moral" stärker jüdisch-christlich geprägt, als es ihm genehm sein konnte. Der Kapitalismus pur vermittelt eine Ellenbogen-"Ethik" der Starken gegen die Schwachen. Es bleiben also nur die Religionen, in denen auch die Menschenrechte ihre Wurzeln haben. Während ich also den Sinn von Religionen für Nichtreligiöse sehe, schließt es Prälat Jüsten offenbar für sich aus, im Nichtreligiösen einen Sinn zu sehen. So bleibt ihm gegenüber einem Menschen wie mir nur die Toleranz. Dabei könnte er doch wenigstens den Zweifel der Nichtgläubigen dialektisch als Herausforderung sehen. Nichtreligiösität erfordert keinen Kampf gegen die Religionen und kann den Wert der Religion für die Gesellschaft durchaus anerkennen. Es gibt also Menschen, die zwar ungläubig sind, aber eben nicht gottlos, weil sie um den Wert ihrer kulturellen, jüdisch-christlichen Prägung für ihr eigenes Leben wissen.

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