Meinung : Wo ist Gott?: Im Himmel, wo sonst ?

Navid Kermani

Choda tu asemune, weiß meine fast dreijährige Tochter - Gott ist im Himmel. Sie schaut an einem Hochhaus oder einer Kirche hoch und sagt, dass Gott noch ganz viel höher ist, höher sogar als der Kölner Dom, an dem wir oft vorbeikommen. Wenn sie ein Flugzeug am Himmel sieht, fragt sie manchmal, ob es jetzt zu Gott fliegt und ob wir auch mal zu Gott fliegen können. Wir haben so eine Art, wenn wir jemanden gern haben, sagen wir, den Soundso habe ich soooo lieb und strecken die Finger immer höher und höher, bis wir sagen, den habe ich bis zum Himmel lieb, und sie sagt dann, den habe ich bis zu Gott lieb.

Meine Tochter weiß auch, dass Gott alle Dinge geschaffen hat, dass er auf uns aufpasst und wir ihm danken sollen. Sie weiß, dass mein Vater, wenn er sich in die Ecke unseres Wohnzimmers stellt und die Arme mit den Handflächen nach oben ausstreckt, zu beten beginnt. Sie beobachtet meinen Vater gern, wenn er sich dann niederkniet, die Stirn murmelnd auf den Gebetsstein legt und den Kopf langsam schüttelt, sie findet das lustig. Sie kniet sich dann neben meinen Vater, aber nicht, um zu beten, sondern um sein Gebet genauer zu verfolgen. Wenn ich im Zimmer bin, ruft sie mir zu, dass Opa jetzt mit Gott spricht. Meinen Vater stört das nicht, er ist es aus Isfahan gewohnt, dass Kinder in Moscheen spielen, da muss es im Wohnzimmer seines Sohnes nicht anders sein.

Meine Tochter weiß auch, dass Gott ein paar Wohnungen hat hier auf Erden, kelisa genannt - Kirchen. Sie weiß, dass man dort hingehen kann, um zu Gott zu beten, schließlich sind sie extra hoch gebaut, da ist die Verbindung besser. Ich sage ihr, dass Gott nicht nur Kirchen hat, sondern auch Moscheen, und dass die Menschen in Iran in die Moscheen gehen statt in die Kirche; die seien praktisch wie eine Kirche, nur anders, nicht so hoch, sondern eher rund, wie ein Fußball. Weil sie noch keine Moschee gesehen hat, kann sie sich wahrscheinlich nicht recht vorstellen, was das ist. Aber in einer Kirche kann man doch genauso gut zu Gott beten, oder?, fragt meine Tochter zur Sicherheit, sie will schließlich nichts verpassen. Klar, sage ich, aber Moscheen sind ganz schön, da müssen wir mal hinfahren, die werden dir gefallen, nicht so spitz, sondern eher rund, da kannst du auch spielen, so wie im Wohnzimmer, wenn Opa betet, meinetwegen auch Fußball. Ich muss doch ihre Neugierde wecken, wenn ich ihr schon keine schönen Moscheen zeigen kann (sie in eine dieser Hinterhofmoscheen zu führen, ist mir noch nicht eingefallen, erstens kenne ich dort niemanden und zweitens können die einfach nicht mit dem Dom mithalten).

Zum Glück gibt sich meine Tochter mit meinen Auskünften bisher zufrieden. Gott ist im Himmel, Gott passt auf uns auf, Gott hat uns gern und ist sehr nett. Opa spricht mit ihm, und dafür bückt er sich. Wenn sie erst einmal anfängt, weiterzufragen, komme ich in die Bredouille. Was soll ich ihr denn antworten, wenn sie wissen will, warum Gott nicht auf den Soundso aufgepasst hat, der jetzt krank ist oder tot. Und das ist ja nur der Anfang. Wahrscheinlich werde ich ihr gar nicht erst verraten, dass Gott aller Dinge mächtig ist. Dass er alles verhindern kann, das glaubt sie doch nie, wenn sie erst mal anfängt, sich umzuschauen. Soll sie später selbst auf Gottes Allmacht kommen, aber erst dann, wenn sie schon so gut mit ihm Freund geworden ist - bis zum Himmel, bis zu Gott - dass sie ihm die Schnitzer verzeiht.

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