Meinung : Wo ist Gott?: In der Vielfalt der Welt

Muhamed Al Hajj

Gott ist nicht reiner Gedanke noch reines Gefühl. Er ist in allem und jedem. Er ist "wirklich", aber nicht spezifisch. Gott ist die ultimative Realität, eine existenzielle Einheit, die keine Teilung akzeptiert. Deshalb ist Gott in allem. Er ist die Ewigkeit, die Dauer, die Genügsamkeit und die Macht, der Anfang und das Ende, die Perfektion und Komplettheit. "Gott ist das Licht des Himmels und der Erde", sagt der Koran. Und wenn wir den Himmel und die Erde mit den Augen der göttlichen Weisheit und mit der Liebe filtern, stoßen wir auf Gott. Im Koran heißt es: "Bald werden wir ihnen unsere Zeichen zeigen, am Horizont und in ihnen selbst, bis ihnen manifest wird, dass er die Wahrheit ist. Der Herr ist ein Zeuge für alle Dinge." Alle Dinge sind Spiegel, die die göttliche Realität offenbaren, die sich in ihnen verbirgt. Dass materielle wie geistige Dinge unterschiedlich sind, spielt keine Rolle. Denn das ist nur der äußere Schein. Unter der Oberfläche verbirgt sich die wahre Einheit der Verschiedenheit. Die unterschiedliche äußere Form zeigt lediglich, wie vielfältig die absolute Schönheit sein kann. Sie zeigt sich eben durch ihre Details. Das Gleiche gilt für Gottes Barmherzigkeit. Wenn wir daran glauben, dass die äußeren Erscheinungen Spiegel des Göttlichen sind, werden wir Gott in ihnen auch sehen.

Der Koran benutzt das Wort "zeigen". Die menschliche Sprache ist aber unzureichend, denn Gott zu erfahren liegt weit jenseits dessen, was wir im Alltag unter "Wahrnehmung" oder "es zeigt sich" verstehen. Dennoch: All das ist in jenem Koranvers angesprochen. Wenn ich eine Blume sehe, benutze ich meine Augen. Wenn ich sage, das ist eine Blume, benutze ich meinen Intellekt, und meine damit auch, dass ich die Existenz schlechthin sehe, vervielfacht in der Mannigfaltigkeit ihrer Schönheit. In der wahrnehmbaren Erscheinung der Dinge sehe und fühle ich Gott und nehme ihn auch über meinen Intellekt, meinen Verstand wahr. Er ist die absolute Existenz, die sich in der unendlichen Fülle zeigt. Seine Einheit ist die Vielheit seiner Namen, Attribute und Handlungen, die alle von einem einzigen authentischen Selbst ausgehen. Und die Harmonie zwischen jedem von ihnen offenbart die Harmonie seiner Essenz selbst. Gott "zeigt" sich aber nicht nur in jedem Ding, sondern auch in uns selbst. Der Prophet sagte: "Jeder, der sich selbst kennt, kennt seinen Gott." Weil ich Teil der Welt bin und "Gott im Licht des Himmels und der Erde ist", wie der Koran sagt, ist Gott auch mein Licht. Und deshalb bin ich, einfach schon dadurch, dass ich bin, dass ich sozusagen der Zeuge meiner selbst bin, Gott nahe - näher als wenn ich ihn im Licht anderer suche.

Aber wenn ich ihn erst einmal erfahren haben und ihm nah gekommen bin, sehe ich ihn in allen Kreaturen. Ein mystischer Dichter drückte das so aus: "Wenn ich nichts gesehen habe außer Gott, habe ich alles gesehen." Und Prophet Mohammed antwortete auf die Frage "Wie hast du deinen Gott erfahren?" mit "durch meinen Gott habe ich alle Dinge erfahren". Diese Antwort besteht aus zwei Teilen, die eng miteinander verschlungen sind. Zum einen: in Gott habe ich meinen Gott erfahren, zum anderen: in Gott habe ich alles andere erfahren. Der erste Teil der Antwort verbirgt sich im zweiten.

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