Meinung : Wo ist Gott?: Mit uns unterwegs

Die Autorin ist katholische Religionslehrerin an d

Irgendwann kommt in meinem Religionsunterricht der Punkt, an dem meine Schüler mir die Frage stellen "Glauben sie denn selbst an Gott?" Jugendliche verlangen nach einem klaren Standpunkt, an dem sie sich reiben und ihre eigene Identität entwickeln können. Sie brauchen Informationen, aber sie suchen daneben nach Orientierung und Maßstäben für ihr Leben.

Ich kann ihre existentiellen Fragen nicht mit abstrakten Informationen beantworten. Da ist dann der Moment, an dem ich als Person mit meinen innersten Überzeugungen, die mich zu dem machen, was ich bin, gefragt bin. Im Religionsunterricht muss der Lehrer Farbe bekennen. Mit einem einfachen "Ja, ich glaube" auf diese Fragen ist es aber nicht getan. Denn die Existenz Gottes hat Folgen für mein Leben. Wie ändert der Glaube an Gott mein Leben; was will, was fordert dieses Gegenüber von mir?

Als Leitfaden für die Beantwortung dieser Frage hilft die Bibel weiter. Sie zeigt in ihren Geschichten, wer dieser Gott ist. Ein Gott, der von Moses nach seinem Namen gefragt, antwortet: Ich bin der "Ich bin da". (Ex. 3, 14 f.) Ein Gott, der nahe bei uns, für uns da ist. Und so zieht er im Zeltlager der Israeliten mit. Auch Jesus ist im Neuen Testament ständig in Bewegung. Er wird unterwegs, in einem Stall geboren. Später zieht er mit seinen Jüngern umher. Der Gott der Bibel ist immer unterwegs, mit uns Menschen.

Die Bibel zeigt aber auch, was Gott bei den Menschen, denen er sich zuwendet, auslöst. Er setzt auch sie in Bewegung. Er reißt sie aus ihrem Privatleben und bringt sie auf den Weg in den gesellschaftlich-politischen Raum. Er zwingt sie zur Auseinandersetzung mit den Menschen und ihrem Tun. Dabei schont er den Menschen nicht.

Das Bild vom "harmlosen lieben Gott" passt eben nicht. Moses muss das Volk aus der Versklavung führen, die Propheten rufen zur Umkehr. Alles gefahrvolle, ungeliebte Aufgaben. Diese Geschichten helfen auch heute herauszubekommen, was dieser Gott für mich bedeutet. Er verlangt den Schülern einen bewussten und unbequemen Umgang mit unserer Gesellschaft ab - Aktivität, Einmischung. Religion ist eben nicht Privatsache. Sie hilft, unsere Gesellschaft verantwortlich und bewusst zu gestalten. Sie hinterfragt unser Handeln, meldet Widerstand gegen Absolutheitsansprüche an.

Um diesem Gott der Bibel persönlich zu begegnen, konkrete Schlussfolgerungen für das eigene Leben daraus zu ziehen, muss der Schüler den Weg in die eigene Tiefe antreten. Von der Analyse der eigenen Person hängen die Konsequenzen ab, die er für sein Leben zieht. Dies bleibt Eigenarbeit des Schülers.

Der Lehrer kann in den Gesprächen nur anstoßen. Er kann versuchen, eine Tür zu öffnen. Der Lehrer ist nicht der makellose Vorzeige-Christ. Gefühle wie Verzagtheit und Überforderung sind ihm nicht fremd. Er kennt die Zweifel und Schwierigkeiten, aus eigenem Erleben. Der Lehrer gibt keine fertigen Antworten, er weist nur den Weg. Er lässt seine Schüler auf ihrem Weg aber nicht einfach allein. Er bietet ihnen seine Begleitung an.

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