Meinung : Wo ist Gott?: Nirgendwo und überall

Robert Leicht

Im Deutsch-Unterricht der Oberstufe habe ich meine Lehrerin oft geärgert - und das kam so: Anstatt Aufsatz-Themen ausführlich zu bearbeiten, habe ich knapp dargetan, weshalb die Fragen eigentlich falsch gestellt waren. Falle ich nun in den alten Fehler zurück, wenn ich angesichts der Frage "Wo ist Gott?" ein Gleiches tue? Nein! Denn die Verweigerung dieser Frage ist diesmal ein notwendiger Bestandteil der Antwort. Zu kompliziert? Thema verfehlt? Dann folgen Sie mir bitte unauffällig.

Nur vom Teufel wissen wir, wo er ist: Er steckt im Detail! Alle wichtigen Fragen unseres Alltags setzen den Blick fürs Detail voraus. Nur wer das Detail beherrscht, beherrscht das Ganze. Das Ganze aber selbstherrlich beherrschen zu wollen, die Atome und die Gene, die Kontinente und das Weltall - das ist das Teuflische an sich. Siehe Faust. Der tat sich in seinem dunklen Drange mit Mephistopheles zusammen.

Wo ist Gott? Das möchten wir gerne wissen. Aber dass wir es nicht wissen, ist kein Nachteil, sondern ein Attribut der Unverfügbarkeit und Souveränität Gottes. Der deus absconditus, der verborgene Gott ist nicht etwa der nicht-existente, sondern der nicht verfügbare. Die religionsgeschichtliche Entwicklung des Monotheismus, vor allem seiner jüdischen, dann seiner christlichen Tradition ist auch eine Geschichte der zunehmenden Entrückung Gottes. Im Tempel zu Jerusalem gab es das Allerheiligste - und das war bereits eine mit großer Anstrengung durchgesetzte Monopolisierung des Kultgeschehens an einem Ort, an dem Gott einwohnt. (Der Tempel ist aber seit dem Jahre 72 zerstört.) Im Protestantismus schließlich gibt es keinen an sich heiligen Ort mehr, an dem Gott haftbar und sichtbar gemacht werden könnte.

Während die antiken Götterkulte in den vielen Göttern höhere Ebenbilder der Menschen sahen, sieht der Monotheismus in den Menschen umgekehrt Ebenbilder Gottes - aber ohne das Urbild vorzuweisen. Auch das Bilderverbot dient, wie die Ortsverweigerung Gottes der Verdeutlichung des einen Sachverhaltes: Er ist Euch nicht verfügbar, Ihr könnt ihn nicht an ein Bild, an einen Ort, an Eure Vorstellungen binden! Ob die lutherische Rechtfertigungslehre, ob die reformierte Lehre von der Vorherbestimmung: Jedes Mal geht es um die Absicherung gegen den menschlichen Versuch, Gott in den Griff zu bekommen, ihn zu verdinglichen, zu lokalisieren, ihn für sich einzunehmen: Hier oder dort - oder im Detail. Wer es dennoch versucht, trifft dort - auf den Teufel.

Und weshalb das Ganze? Weil das Nirgendwo, das unserem faustischen Verlangen entgegengesetzt wird, die Voraussetzung jenes Überall ist, das Ausdruck seiner Souveränität bleibt. Diese radikale Unverfügbarkeit (der junge Karl Barth schrieb dafür: totaliter aliter - völlig anders, ganz woanders) schließt es aus, dass wir ihn vermenschlichen. Und stellt klar: Wenn er Mensch wird, dann will allein er es. - Klar? Oder: Thema verfehlt?

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