Meinung : Wo ist Gott?: Schenken, einfach so

Karl Jüsten

Letzten Sonntag staunten die Leserinnen und Leser des Tagesspiegels nicht schlecht: "Gysi fürchtet Gottlosigkeit für die Gesellschaft." Nicht, dass sich der Sohn des ehemaligen Kirchenbeauftragten der DDR nun unter die missionarischen Christen gemischt hätte oder für die Einführung von Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach plädieren würde! Nein, der bekennende "Nichtreligiöse" meinte nur, dass die Kirchen als Wertevermittlerinnen gebraucht würden und dass es so ganz ohne Glauben bei der Begründung von Werten eben nicht gehe. Religion bekommt bei Gysi einen positiven Klang.

Dialektiker, wie er nun mal ist, reduziert er Religion auf Funktionen für die Gesellschaft, nämlich die der Wertevermittlerin und Wertebegründerin. Wo bleibt da die Frage nach Gott als dem Stifter von Religion? Oder stellt sich für ihn die Frage gar nicht, weil er immer noch glaubt - nur nicht an Gott, sondern an den Sozialismus?

Gerade die Fragen von Menschen angesichts von Grenzerfahrungen wie die Terroranschläge vom 11. September zeigen aber, dass es außerhalb der vorgefundenen geschichtlichen Wirklichkeit noch einen größeren Sinnzusammenhang geben muss. Je verunsicherter die Menschen heute sind, desto mehr werden die Religionsgemeinschaften als hilfreiche, integre Instanzen gesucht. Sie bieten den Menschen Halt und Orientierung. Viele sehen in den großen Kirchen Agenturen zur Befriedigung individueller und sozialer Bedürfnisse. Sie haben Räume und Zeit für alle Menschen. Mit ihren Angeboten sind sie einfach konkurrenzlos gut.

Leicht entsteht bei manchem der Eindruck, die Religionen würden sich auf die Funktionen von Hilfs- oder Glücksagenturen reduzieren lassen. Gysis dialektisches Religionsverständnis hätte hierin sein praktisches Gegenüber.

Tatsächlich engagieren sich erstaunlich viele Anhänger der Religionen für die Gesellschaft. Sie wollen ihr Leben sinnvoll gestalten. Das ist aber nicht der Grund für ihre Anhängerschaft. Zunächst wollen sie der Wahrheit ihres Glaubens folgen. Religionen sind in diesem Sinne Selbstzweck. Sie eröffnen den Raum, in dem Glauben gelebt wird. So verstehen sich die großen Offenbarungsreligionen wie Islam, Judentum und Christentum zuerst als Glaubensgemeinschaften. Es gibt sie, weil ihre Anhänger an Gott glauben.

Wir Christen feiern in diesen Tagen das Weihnachtsfest. Wir glauben, dass Gott Mensch geworden ist. Gott hat sich in seinem Sohn Jesus Christus offenbart. Sein Ziel ist die Erlösung des Menschen. Es liegt in der freien Entscheidung jedes einzelnen, dieses Liebesangebot Gottes anzunehmen. Wenn die Kirchen bestimmte Aufgaben für die Gesellschaft, sei es als Wertebegründerinnen und -vermittlerinnen, sei es als soziale Agenturen, sei es als Wegbegleiterinnen bei Trauung und Tod erfüllen, dann entspricht das ihrem Selbstverständnis, das Geschenk der Liebe nicht für sich zu behalten, sondern weiter zu schenken. Darin liegt der tiefere Sinn des Schenkens an Weihnachten: Keine Funktion - einfach so. So einfach!

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