Meinung : Wo ist Gott?: Wo Menschen gerettet werden

Uwe Wesel

Die Hakenkreuzfahnen wehten noch, als ich geboren wurde in Hamburg, drei Tage nachdem Reichspräsident Hindenburg den Führer der NSDAP Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, wie es vorgesehen war in der Verfassung von Weimar. Mein Vater ist einer der vielen Arbeitslosen der zwanziger Jahre gewesen, wurde SA-Mann und Nationalsozialist und erkannte die Zeichen der Zeit. Er ließ mich nicht taufen.

So wuchs ich auf ohne Gott und wurde ein Spötter. Erst sehr viel später bin ich ihm begegnet, ohne es gleich zu bemerken. Da war ich sechsunddreißig Jahre alt, ein richtiger deutscher Professor und bald danach erster Vizepräsident der Freien Universität Berlin, gewählt von der linken Fraktion. So lernte ich Helmut Gollwitzer kennen, der nicht nur das moralische Gewissen dieser für mich neuen politischen Umgebung gewesen ist, sondern auch ein wunderbar lebendiger und gescheiter Kopf und hinreißender Redner. Wenn es Schwierigkeiten gab, und es gab viele in dieser aufgeregten Zeit nach 1968 an dieser aufgewühlten Universität, dann wusste ich, da ist einer, auf den kannst du dich verlassen. Der weiß, was richtig ist.

Eines Tages war er in Schwierigkeiten. Die Kirchliche Hochschule protestierte gegen die Habilitation seines besten Schülers, obwohl Golli - so nannten wir ihn - ein ordentlicher Professor der evangelischen Theologie gewesen ist an der Dahlemer Universität. Also gingen wir zu einer Besprechung zum Bischof des Landes in dessen kleines Häuschen, Kurt Scharf. Da saß schon Heinrich Albertz, der Pfarrer und einige Jahre vorher Regierender Bürgermeister. Die drei waren eng befreundet und redeten sich an mit "Bruder Scharf" oder "Bruder Gollwitzer", und plötzlich wurde mir klar, ach du meine Güte, der Golli ist ein Pope.

In diesen zwei Stunden und im Umgang dieser drei Männer miteinander habe ich gelernt, wo die Kraft dieses Glaubens liegt, den ich nicht habe, und woher Golli die Energie nahm und die Fröhlichkeit, mit der er lebte, auch in seiner Ehe mit seiner Frau Brigitte. Als sie starb, einige Jahre vor ihm, sprach auch ihr Bruder in der Kirche und sah ihn an und sagte: "Du hast sie glücklich gemacht."

Bei Heinrich Albertz war es nach außen noch deutlicher. Wenn er sprach, hatte er einen unschlagbaren Verbündeten, um den ich ihn oft beneidet habe, weil der immer derselben Meinung war wie Heinrich Albertz, wenn es knifflig wurde. Er brauchte dann nur anzufangen, "Unser Herr Jesus Christus sagt ..."

Dann bin ich dem lieben Gott noch einmal begegnet, als ich zwei Mal nach Santiago geflogen bin, um jemanden herauszuholen, der gefangen war und gefoltert wurde und in Gefahr war, zum Tode verurteilt zu werden von den Faschisten in Chile, die gegen Allende geputscht und ihn ermordet hatten und viele andere. Da hat mir einer geholfen, der war geboren am selben Tag und im selben Jahr wie ich, als die Hakenkreuzfahnen noch wehten, er wurde getauft, heißt Helmut Frenz und war evangelischer Bischof. Mit unbeschreiblichem Mut hat er sich gegen die Faschisten gestellt und Hunderten das Leben gerettet. Und ich wusste, woher diese Energie kam, wie bei Golli. Sie kam von Gott. Mit mir hat er bisher nicht gesprochen und ich fürchte, das wird so bleiben. Aber ich bin ihm zwei Mal begegnet.

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