Meinung : Wo ist Gott?

Peter Seewald

In den ersten Tagen nach der Katastrophe suchten wir Unterschlupf in den Gotteshäusern wie Küken bei der Henne. Politiker und Soziologen verkündeten im Ton von Bußpredigern das "Ende der Spaßgesellschaft". Künstler forderten einen "neuen Ton im Dichten und Denken", als sei der Abgesang der Welt nur noch eine Frage der Zeit. Wir haben uns angewöhnt, Religion als etwas zu betrachten, was man wie ein Hobby pflegt. Müde Partygänger, die selbst nichts zu sagen haben und zu denken wagen, belächeln die Riten des Glaubens, als stammten sie aus einem fremden Universum. Mit den Rauchschwaden aber, die aus Ground Zero in den Himmel stiegen, tauchte plötzlich eine urreligiöse Vokabel auf: "Umkehr".

Es ist ein Wettlauf entbrannt nach Begriffen, mit denen man diese Zeiten benennen könnte. Die Stimmung ist bedächtiger geworden. Sind nicht die Türme, fragen wir neuerdings, die wir so hochmütig in den Himmel bauten, viel zu titanisch geraten? Ist dieses Jahr eins des neuen Jahrtausends, mit BSE-Seuche und Umweltdesastern, nicht hereingebrochen wie die sieben Plagen aus der Apokalypse des Johannes? Ernüchterung hat eingesetzt über unseren Lifestyle, der längst schon selbst lebensgefährlich geworden ist. Für uns. Und erst recht für jene anderen in den ärmeren Ländern, die dieses Leben mit bezahlen müssen.

Das Unbehagen an unserer Kultur ist größer, als man gemeinhin annimmt. Es lag ein Stück Feigheit darin, unsere Wohlstands-Verhaltensweisen nicht mehr zu hinterfragen. "Anything goes" war lange einer unserer Lieblings-Slogans. Moral? Widerlich und hemmend. Bloß nicht zu eng. Bloß nicht zu streng. Vielleicht kippen jetzt die Verhältnisse. Krank vor Angst begreifen wir langsam, dass es Gewalten gibt, die höher sind als wir. Auch dieses: dass jegliches Tun wieder auf uns zurückkommt. Ob man zur Optimierung von Gewinnen Kadaver an Pflanzenfresser verfüttert, Nachbarvölker in Gefangenschaft hält, Bakterien zu Waffen schmiedet. Oder ob man sich gar daranmacht, Klone und Hybrid-Menschen zu entwickeln. Es gehört zu den Geheimnissen des Glaubens, dass Gott fern ist, wenn er nicht auch im Denken und im Herzen der Menschen ist. Inzwischen beginnen wir zu ahnen, dass der Bestand dieser Gesellschaft auch etwas zu tun hat mit dem Bestand an Dingen, die weder der Staat noch die Ökonomie aus sich selbst heraus entwickeln können. Eine stabile Moderne braucht Traditionen, Regeln, Riten, spirituelles Bewusstsein. Unter Missachtung religiöser Werte wird die säkulare Welt nicht überleben können.

Die Antike scheiterte daran, dass sich der Mensch nur noch auf sich selbst bezog. Das Christentum öffnete den Raum zur Ganzheit des Kosmos. Die Ansteckungsstärke dieses Glaubens lag darin, dass er richtige Antworten gab. Um einen Dialog überhaupt führen zu können, sollte man zunächst wissen, was die eigene Religion überhaupt beinhaltet. Christus selbst hat in seinem ersten Wort, das er der festgefahrenen Zorn- und Rache-Gesellschaft entgegenhielt, von "Umkehr" gesprochen. Sie ist die Voraussetzung dafür, herauszutreten aus dem Gleichtritt einer kreisförmigen Bewegung. Und die harte Zeit der Katharsis ist oft der Beginn eines neuen Bewusstseins, die Chance für den Neubeginn.

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