Meinung : Wo Ist Gott?

Friedhelm Mennekes

Der Satz "Wo ist Gott?" ist in der sprachlichen Form eine Frage. Damit zeigt er zugleich den Weg, auf dem sich eine Antwort finden kann: durch Tasten nach Unbekanntem. Nur wenn der Mensch sich selber fraglich wird, über sich hinausblickt und sich geistig von sich löst, kann er sich verstehen: an seinem Ort in Raum und Zeit, in der Frage nach seiner Identität und der nach seiner Freiheit. Der Mensch stellt Fragen, ob er sie ausspricht oder nicht. Sein Sein selbst ist die Frage. Im Sog eines solchen Selbstübersteigens greift der Fragende über sich hinaus. Tut er das bewusst und gründlich, stellt sich irgendwann auch Gott als Frage in seine Erfahrung; denn das, was das Wort Gott besagt, kann zunächst nur als Frage beschrieben werden. Gott taucht in der Frage auf, wenn sich der Mensch nach dem Ganzen der Welt und des Lebens ausrichtet. Gott lebt also in der Frage, bleibt aber zugleich im Geheimnis und im Verborgenen. Er ist anwesend als der deus absconditus.

Fragen werden unterschiedlich gestellt. Sie variieren stilistisch und kleiden sich in verschiedene Perspektiven, in der Philosophie anders als in der Wissenschaft; wieder anders in der Religion, nochmals anders in der Kunst. Der Amerikaner James Lee Byars (1921-1997) hat dezidiert eine Kunst der Frage entwickelt. Normalerweise ist das Fragen zielgerichtet. Für Byars liegt der Akzent im Fragen als Vollzug, nicht im Fragen als Antwortsuche. Die Frage wird zum ästhetischen Objekt und verweist auf eine Ebene des Ahnens und der Intuition. Auch wenn die Intuition noch so schwankend oder schimmernd ist, sie macht den Menschen für Anregungen und Inspirationen empfänglich, offen für einen möglichen Einfall des Göttlichen. Der prophetische Zuspruch kann hier das Vage aufbrechen und das Schwankende abfangen.

In christlicher Perspektive entscheidet sich die Frage nach Gott diesseitig. Im Ein-fall des Wortes entbirgt er sich aus aller Göttlichkeit und Ferne ins Nahe und Menschliche. Es ist der Philipperbrief in der Bibel, der diese Vorstellung klärt, nach der Jesus alle Göttlichkeit ablegt und Mensch wird. Er nimmt fragend Wohnung unter den Menschen. Er fühlt sich ein in ihre Sorgen und Ängste und sagt ihnen: Macht euch keine falschen Sorgen. Sorgt euch allein um den kommenden Gott. Jesus lenkt das Fragen in die Praxis mit Gott, in die Sensibilität für die Bedrängten, die Gefangenen, die Armen. Aber inmitten von allem in das Vertrauen auf Gott, in Gebet und Bitte, Fragen. Jesus holt Gott aus den Höhen der Begriffe und Theorien auf die Erde, in das weiche Herz aus Fleisch, in den Tempel Gottes, der der Mensch im Glauben an Gott selber ist.

Das Nebeneinander von Mystik, wie sie in der liturgischen Feier erlebt werden kann, und Fragen ist Energie für das Leben - und bleibt doch in den Gewissheiten schwankend. Im Wechsel von Frage und Antwort, zwischen Wissen und Glauben, gebrochen im Zweifel, konturiert der Mensch diese innere Evidenz des Letzten - und bleibt doch im zweifelsgetriebenen Hinterfragen stets relativierbar.

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