Wo ist Verdun? : Deutschland und der Erste Weltkrieg

Dem Ende des Ersten Weltkrieges vor 90 Jahren gedenkt Deutschland auf erstaunliche Art und Weise: Gar nicht.

Moritz Schuller

Am Tag, an dem sich das Ende des Ersten Weltkrieges jährt, denkt Frankreich an Verdun und Polen an seine Unabhängigkeit. So ist Europa. Die Erinnerung ist noch von keinem Kommissar in Brüssel genormt, hier hat das Gedenken, anders als die Gurke, unterschiedliche Formen. Erstaunlich ist nur diejenige Form, mit der Deutschland des Endes des Ersten Weltkrieges vor 90 Jahren gedenkt. Gar nicht. Weder Bundespräsident noch Bundestagspräsident noch Bundeskanzlerin nehmen an den Feierlichkeiten in Frankreich teil. Sie lassen sich vertreten. Horst Köhler ist in Nigeria, Norbert Lammert empfängt lieber den Parlamentspräsidenten von Norwegen und Angela Merkel ist in Warschau. Ihr politisches Gespür trügt nicht einmal: Mit dem Ersten Weltkrieg kann Deutschland in der Tat nichts anfangen, er ist - anders als in Frankreich - nicht Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Das liegt nicht an Geschichtsvergessenheit, die man den Deutschen wahrlich nicht vorwerfen kann. Der Pogromnacht und des Falls der Mauer haben sie gerade feierlich gedacht. Auch liegt es nicht daran, dass man sich hier an eine Niederlage ungern erinnert - Richard von Weizsäcker hat gerade dazu seine Rede gehalten. Oder dass die Schlachtfelder vor allem in Frankreich liegen - denn, wem Verdun etwas sagt, wie Helmut Kohl, der fährt an einem solchen Tag dorthin.

Zum 11. Novemeber fällt Merkel nichts ein

Die Gleichgültigkeit an einem Tag, zu dem sich sogar der australische Ministerpräsident zu Wort meldet, liegt vielmehr an der merkwürdigen Wahrnehmung, dass dieser Tag nichts mit den Deutschen zu tun habe. Es sei ein "wunderbares Gefühl", sagte Merkel am Dienstag in erstaunlicher Unbefangenheit, als "Partner und Freund Polens" bei den Unabhängigkeitsfeiern dabei zu sein. So sehr Merkel weiß, was zum 9. November zu tun und zu sagen ist, zum 11. November fällt ihr offenbar nichts ein. Als fiele der Erste Weltkrieg vor den Beginn der deutschen Geschichte, als hätte er politisch und kulturell seine Spuren vornehmlich in anderen Ländern Europas hinterlassen.

Die Deutschen wissen, so sehr sie den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt ihres Erinnerns gestellt haben, mit dem Rest der Geschichte offenbar nicht mehr umzugehen. Mit den Nachbarn deren Unabhängigkeit zu feiern, ist gewiss ein schönes deutsch-polnisches Symbol, das Schweigen zum Ersten Weltkrieg sollte dieselben Nachbarn aber durchaus beunruhigen. Denn es lässt alles, was die Köhlers und Merkels stets so anständig zum Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg von sich geben, merkwürdig hohl und unglaubwürdig erscheinen. Der Gefreite aus dem Ersten Weltkrieg, der 1933 an die Macht kam, hat zu 1918 alles andere als geschwiegen. Allein das wäre Grund genug, sich der Geschichte anzunehmen.

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