Meinung : Wo Menschen suchen

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Von Walter Homolka

WO IST GOTT?

Der bekannte britische Rabbiner Lionel Blue veröffentlichte 1998 ein sehr persönliches Buch. In „My Affair with Christianity“ bekennt er im Herbst seines Lebens offen, dass ihn organisierte jüdische Religion immer mehr langweile. Jüdische Gottesdienste in ihrer oft gebetsmühlenartigen Gleichförmigkeit dörrten ihn geistig aus. Er bekannte, wie nahe er einmal dem Wechsel ins Christentum stand, weil er dort Menschen getroffen hatte, deren Glaubenserfahrungen ihn überzeugten. Er empfand sein Judentum als arrangierte Ehe: sich nicht selbst entschieden zu haben, sondern von Geburt an Jude gewesen zu sein. Dagegen fühlte er im Christentum überbordende Liebe, die einen umfängt und angesichts der man nur schwer die Beherrschung wieder gewinnt. Lionel Blues Einsicht: Was man geliebt hat im Leben, das lässt einen nicht mehr los, sondern begleitet einen bis ans Ende der Tage.

So beschreibt einer der großen spirituellen Gestalten des heutigen Judentums uns als Liebende auf der Suche nach Gott. Viele stehen geistlich im Stand der Ehe. Und doch haben wir Liebesgeschichten und Affären, geistliche Begegnungen als Teil unserer Biografie, die sich außerhalb dieser Ehe abspielen. Manchmal trennen wir uns dann und gehen neue Bindungen ein. Oder wir bleiben dem Eheversprechen treu, wissen aber nur zu gut, wie das Andere geschmeckt hat, das uns in seinen Bann schlug.

Rabbiner wissen um diese Realität des „faith hopping“. Amerika zeigt uns den Trend. Ohne staatliche Reglementierung oder künstliche Nivellierung durch einen äußeren Feind ist Raum für die persönliche Entscheidung: über das Bekenntnis, über Glaube und spirituelle Ausrichtung auf der Suche nach Gott. Heute sehen wir das Gemeinsame öfter und lieber als das, was uns trennt. Auch Juden müssen aus dem Traum von der Einzigartigkeit erwachen und erkennen, dass Gott mit seiner Schöpfung Dinge vorhat auf vielerlei verschiedene Weise.

Der Jude Lionel Blue erkannte letztlich, dass Jesus für ihn nicht die Lösung all seiner Probleme war, ja, dass dieser Jesus nicht einmal seine eigenen Probleme hatte lösen können. Blues Affäre mit dem Christentum, seine innere geistige Erfahrung, führte ihn nur an die Schwelle der Konversion. Zu trennend war für ihn letztlich die Zäsur der Schoa, die ihn zurückwarf auf seinen tieferen Ursprung, zurück an die Quellen seiner ererbten Religion. Aber dieses Judentum hatte sich für ihn dadurch auch grundlegend verändert. Aus einem geistigen Gefängnis war plötzlich ein Raum spiritueller Freiheit geworden. Es blieb die Erfahrung persönlicher Zuwendung und Liebe, die Zuversicht, dass Gott sich uns zuwendet hinter dem Vorhang seiner Unsichtbarkeit.

Heute sind wir alle Pilger und Suchende, fahndend nach Indizien, die uns ein Stück weiterhelfen auf dem Weg nach der Frage „Wo ist Gott?“. Es ist eine zentrale Herausforderung für alle religiösen Menschen heute: einander annehmen und vorbehaltlos voneinander Glauben lernen – im Bewusstsein des religiösen Eigenwerts.

Rabbiner Dr. Walter Homolka ist Direktor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, Deutschlands Rabbinerseminar für Studenten aus ganz Europa.

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