Meinung : Woher kommen die Osterbräuche in der Lausitz?

Als ältestes christliches und neben Weihnachten Hauptfest des Kirchenjahres weist Ostern (os. jutry, ns. jatšy) die meisten Bräuche auf. Seit Mitte des 2. Jahrhunderts ist es das jährliche Fest zum Gedächtnis an Tod und Auferstehung Christi. Die meisten Bräuche gehen auf vorchristliche Frühlingsriten zurück. Konzessionen der Kirche an heidnische Traditionen waren zum Beispiel Palmzweige, geweihtes Osterfeuer, Quellenweihe, Weihung von Osterspeisen oder Umrittbräuche. In sorbischen Osterbräuchen sind davon alle vertreten bis auf den Schlag mit der Lebensrute. Heute wird eine Reihe dieser Traditionen entweder komplex oder reliktartig und mit unterschiedlicher Intensität gepflegt; davon werden einige überregional (z. B. Ostersingen, Osterwasserholen oder Osterei), andere eher regional ausgeübt (in der Niederlausitz Osterfeuer, Waleien, in

der Oberlausitz Osterschießen, in der katholischen Region Kreuzsingen, Klapperjungen,

Osterreiten).

Während der Gründonnerstagsmesse werden in der katholischen Kirche die Lichter gelöscht und die Kirchenglocken verstummen; anstelle des Läutens rasseln Klapperjungen (klepotarjo) mit ihren hölzernen Klapperinstrumenten, und zwar zum und während des Gottesdienstes, wie auch morgens, mittags und abends zum Angelusgebet. Mit der katholischen Auferstehungsmesse in der Osternacht bzw. in evangelischen Kirchen im Gottesdienst am Ostersonntag (os. jutrownicka, ns. jatšownica) beginnt die große Wende von der Trauer zur Freude, vom Fasten zum Feiern. In der katholischen Osternachtliturgie wird eine große, entsprechend verzierte Osterkerze am neu entfachten und geweihten Osterfeuer entzündet und in einem Lobgesang feierlich begrüßt. Auch wird das Taufwasser geweiht. In katholischen Dörfern rüsten sich am Ostermorgen die Männer zum Osterreiten.

Ostersingen war fast in der gesamten Lausitz eine wichtige Tradition der Fasten- bzw. Osterzeit. Nach Quellen aus dem 17. Jahrhundert trafen sich in der Osternacht Männer, um die Felder des Dorfes Osterlieder singend zu umgehen. Nachher gingen sie singend vor die Häuser, wofür sie je nach Vermögen der Hauswirte ein oder zwei Kuchen bekamen. Um 1780 waren es jedoch junge Mädchen, die an den Fastensonntagen Passionslieder sangen, Männer dagegen gingen oder ritten in der Osternacht zuerst um den Kirchhof, dann um die Felder und schließlich von Haus zu Haus, wofür sie Kuchen erhielten. Ostersingen wie -reiten gehen wohl auf Flurumgänge zunächst der Männer zurück mit dem ursprünglichen Bestreben, die Saat durch einen magischen Kreis gegen böse Einflüsse zu schützen. Mädchen erscheinen als Brauchträger erst später. Um das Ostersingen rankten sich weitere Bräuche wie Osterfeuer, Osterschießen oder Osterwasserholen. Osterwasser schöpfte man in der Osternacht bis zum Aufgehen der Sonne aus einem nach Osten fließenden Gewässer, wusch sich Gesicht und Hals, besprengte das Vieh oder begoss sich gegenseitig. Dies musste schweigend geschehen, sonst würde es Plapperwasser und wirkungslos. Osterwasser hält sich angeblich das ganze Jahr frisch, wird nicht stinkend und ist heilkräftig gegen allerlei Krankheiten und fördert Schönheit, Gesundheit und Fruchtbarkeit. Ist der einstige Glaube an die Heilkraft größtenteils vor dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben, wird Osterwasser von Einzelnen noch heute geschöpft. In der katholischen Kirche wird während der Ostermesse Wasser für religiös-kultische Zwecke geweiht, was sich mit dem Glauben an das „heidnische“ Osterwasser nicht vereinbaren lässt und weshalb es hier weniger bekannt ist.

Bunte Ostereier schenkte man zwischen Gründonnerstag und Ostern einst an Patenkinder, Dienstboten, Geliebte, den Küster, Pfarrer oder Lehrer. Der Brauch geht auf mittelalterliche Eier- und Speisenweihen, das österliche Zinsei (als grundherrliche Abgabe) oder österliche Eierspenden zurück. Zweifellos hängt es auch allgemein mit der dem Ei zugeschriebenen vitalen Symbolkraft zusammen. In protestantischen Regionen gehen (z. B. um Schleife) heute noch Kinder zum Paten, um sich ihr Osterei bzw. Patengeschenk zu holen.

Versuche, das Osterreiten im Nationalsozialismus zum germanischen Brauch umzufunktionieren, schlugen fehl. Auch die DDR-Obrigkeit hatte Schwierigkeiten mit der Tradition, und die Medien tabuisierten ihren christlichen Charakter. Trotzdem nahm die Reiterzahl ständig zu. Zum Ersten Weltkrieg betrug sie ca. 600. Mit der Umstrukturierung der Landwirtschaft in den 1960-ern sank die Osterreiterzahl zunächst kräftig (1965: 554). Seitdem die Pferde von Gestüten, Reitersportvereinen oder privaten Besitzern von außerhalb geliehen wurden, stieg die Osterreiterzahl (1970: 514; 1980: 792; 1990: 1207; 2000: 1610; 2005: 1700).

Seit einiger Zeit finden Osterreiterversammlungen vor und Dankgottesdienste nach Ostern, in einigen Gemeinden auch gesellige Zusammenkünfte statt. Der Brauch klingt auch noch nach, wenn Kinder an einem Wochentag nach Ostern mit Steckenpferden die Kirche umreiten und damit ins Nachbardorf ziehen, wo sie „beköstigt“ werden und Geschenke erhalten.

— Dr. Martin Walde, Volkskundler,

arbeitet am Sorbischen

Institut e. V., Bautzen

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