• Wolfgang Schäuble zu Griechenland: "Zur Hilfe gehört immer jemand, der sich helfen lassen will"

Wolfgang Schäuble zu Griechenland : "Zur Hilfe gehört immer jemand, der sich helfen lassen will"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble über sein Image in Griechenland, Hilfspakete der Europäischen Union – und über Talente in der Koalition, die Christian Wulff nachfolgen könnten.

von und

Herr Schäuble, wir müssen leider über Präsidenten sprechen. Sind Sie über Christian Wulffs Rücktritt eher erleichtert oder eher traurig?

Ich glaube, es ist genug gesagt und geschrieben worden zu dieser Frage.

Angela Merkel verliert den zweiten Bundespräsidenten, jetzt will sie einen überparteilichen Kandidaten. Gehen der Koalition die Köpfe aus?

Ich verstehe Ihre Frage jetzt mal als eine rein rhetorische. Wir haben viele gute und talentierte Köpfe. Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.

Die nächste Frage leihen wir uns vom griechischen Staatspräsidenten: „Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland verhöhnt?“

Ich kenne keinen Herrn Schäuble, auf den dies zutreffen würde. Da ist beim griechischen Staatspräsidenten vielleicht irgendetwas falsch angekommen.

Was könnte bei Karolos Papoulias denn falsch angekommen sein, dass er sein Volk verhöhnt sah?

Das müssen Sie ihn schon selber fragen. Ich weiß aber eines sicher: Alle Finanzminister in der Eurogruppe kämpfen seit 2010 mehr oder weniger unermüdlich für die Stabilisierung der Eurozone und gerade und besonders auch für die Stabilisierung Griechenlands. Und in dieses „alle Finanzminister“ schließe ich ausdrücklich meine Kolleginnen und Kollegen aus Finnland, den Niederlanden und Luxemburg und ja, auch den griechischen und den deutschen Finanzminister ein. Wir handeln gemeinsam, wir handeln einstimmig und wir handeln im Interesse Europas.

In Athen herrscht offenbar der Eindruck, dass die Deutschen den Griechen ihren Willen aufzwingen wollen.

Um den früheren Ministerpräsidenten Papandreou zu zitieren: Griechenland hat eine Reihe von Problemen. Diese haben sich zum Teil über einen langen Zeitraum aufgestaut. Und sie zu beseitigen, zumal schnell zu beseitigen, erfordert durchaus schmerzliche Prozesse. Diese Veränderungen sind daher nicht leicht umzusetzen. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum es auch bei der Umsetzung der vereinbarten Programme und Ziele nicht immer so umfassend und schnell und überzeugend klappt, wie man sich das wünschen würde – ja, wie es im Interesse des Landes sein müsste. So etwas nagt dann auch an der Glaubwürdigkeit. Das ist aber das wichtigste Gut – nicht nur vis-à-vis der europäischen Partner, sondern auch vis-à-vis der Märkte, der potenziellen Investoren, ja auch gegenüber dem eigenen Volk. Daher haben sich alle Europäer – auch die griechische Regierung – bereits im Oktober darauf geeinigt, dass wir mehr Begleitung, mehr Kontrollen bei der Umsetzung der Programme brauchen. Darum geht es – um nicht mehr und um nicht weniger.

Anti-deutscher Protest in Griechenland
"Arbeit macht frei": Nazi-Vergleiche sind bei den Protesten in Griechenland wieder en vogue. Immer wieder werden EU und besonders die deutsche Regierung für die sich verschärfende Krise verantwortlich gemacht.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: dpa
16.02.2012 12:49"Arbeit macht frei": Nazi-Vergleiche sind bei den Protesten in Griechenland wieder en vogue. Immer wieder werden EU und besonders...

Warum haben Sie das Vertrauen in die griechischen Politiker verloren?

Ich habe nicht das Vertrauen verloren. Aber wir müssen an der Glaubwürdigkeit, an dem Vertrauen und an der Verlässlichkeit arbeiten. Wir haben vor zwei Jahren ein erstes Griechenlandprogramm über 100 Milliarden Euro verabredet, mit klaren Vereinbarungen, das Geld in Tranchen auszuzahlen und jeweils nach Fortschrittsberichten der Troika aus EU-Kommission, Währungsfonds und Zentralbank. Ich brauche doch Ihnen die zum Teil langwierigen Korrekturerfordernisse und den Bedarf nach Nachsteuerung in diesem Zusammenhang nicht in Erinnerung zu rufen.

Aber rechtfertigen diese Erfahrungen eine Einmischung in Wahltermine?

Was ist denn daran Despektierliches, wenn man darauf hinweist, dass Italien auf seinem Weg im Augenblick sehr gut vorankommt?

Sie meinen den Weg der Expertenregierung?

Nun, jedenfalls den Weg einer Regierung, die von allen verantwortlichen Kräften im Land breit unterstützt wird und die Vertrauen in Europa genießt. Das ermöglicht Strukturreformen, die die italienische Verschuldung senken, vor allem aber das Land wettbewerbsfähiger machen. Dies schafft Vertrauen an den Märkten, was sich ja seit Januar in sinkenden Spreads und erfolgreichen Auktionen niederschlägt.

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