Meinung : Würden Bahn-Kunden vom Kauf des Arriva-Konzerns profitieren?

Foto: ddp
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„Kohle für Europa / Die Bahn bietet 2,7 Milliarden Euro für den britischen Arriva-Konzern“

von Carsten Brönstrup vom 22. April

Wozu braucht die Bahn einen britischen Verkehrskonzern, der noch dazu über Schulden finanziert werden soll? Die Verantwortlichen schaffen es nicht einmal, den normalen Betrieb der Berliner S-Bahn zu gewährleisten - der wird wohl erst 2011 wieder laufen - und ihre Fernzüge einigermaßen pünktlich ans Ziel zu bringen, wollen aber ihr Unternehmen vergrößern. Ich nenne so etwas Großmannssucht. Die Leidtragenden bei der Geschichte werden wohl wieder wir kleinen Leute sein, die auf die Bahn angewiesen sind.

Renate Kappe, Berlin-Friedrichshain

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: 2,7 Milliarden Euro bietet die Bahn für den britischen Verkehrskonzern Arriva. Dumm nur, dass die Bahn bereits jetzt - trotz aller Sparmaßnahmen, deren Folgen der Fahrgast vor allem im letzten Jahr zu spüren bekam - bereits 15 Milliarden Euro Schulden hat.

Es heißt, die Bahn würde mit einem Kauf ihre Position in Europa deutlich verbessern. Ich meine, die Deutsche Bahn sollte erst einmal zu Hause ihre Hausaufgaben erledigen und den sicheren und pünktlichen Transport der Fahrgäste gewährleisten, statt sich weiter als internationaler Logistikriese zu positionieren. das Desaster bei der Berliner S-Bahn und die ständigen Ausfälle von ICE-Zügen im Winter sind uns noch in guter Erinnerung. Wer wird die bei einem Kauf des Arriva-Konzerns wieder steigende Verschuldung der Deutschen Bahn wohl am ehesten zu spüren bekommen? Richtig, es wird mit ziemlicher Sicherheit die Mitarbeiter und die Fahrgäste treffen!

Michael Burghardt, Berlin-Charlottenburg

Sehr geehrte Frau Kappe,

sehr geehrter Herr Burghardt,

Ihren Ärger über die Deutsche Bahn kann ich sehr gut nachvollziehen. Das Chaos des vergangenen Winters, nicht nur in Berlin, ist uns allen noch sehr gut in Erinnerung. Expansionen im Ausland dürfen nicht zulasten von Qualität und Kundenzufriedenheit in Deutschland gehen. Die Deutsche Bahn hat hier viel Boden gutzumachen, nicht nur in puncto Verlässlichkeit.

Allerdings ist die Deutsche Bahn ein weltweit agierendes Unternehmen. Daher ist es verständlich, wenn sie auch in anderen Ländern investiert, um sich auf diesen Märkten besser aufzustellen. Das ist für deutsche Verbraucher zunächst weder gut noch schlecht. Doch wenn dieser Schritt den Wettbewerb im europäischen Schienenverkehr insgesamt voranbringt, hat das für die Kunden langfristig Vorteile. Denn im Wettbewerb kann es sich die Deutsche Bahn weniger leisten, Kunden zu verprellen. Positive Beispiele im Regionalverkehr zeigen, dass sich so Qualität und Effizienz verbessern lassen. Für einen funktionierenden Wettbewerb im Schienenverkehr muss die Politik allerdings die nötigen Voraussetzungen schaffen:

Erstens braucht es einheitliche Regeln in Europa, damit im Bahnverkehr zwischen den verschiedenen Wettbewerbern „Waffengleichheit" herrscht. Konkurrenten dürfen nicht behindert werden, indem ihnen der Zugang zum Schienennetz verwehrt oder erschwert wird. In Deutschland, vor allem aber in Frankreich, ist dies leider in weiten Teilen noch der Fall.

Zweitens muss die Finanzierung des Schienenverkehrs wettbewerbsfördernd organisiert werden. Im Regionalverkehr hatte es bisher überwiegend positive Effekte, wenn die Bundesländer die zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel nicht direkt, sondern über ein transparentes Ausschreibungsverfahren vergaben. Die Berliner S-Bahn ist hier ein passendes Negativbeispiel. Die massiven Mängel gehen sicherlich zum Teil auf eine verfehlte Konzernpolitik der Deutschen Bahn zurück. Doch an den im vergangenen Winter zutage getretenen Problemen trägt auch das Land Berlin eine Mitschuld. Denn dieses hatte auf die Möglichkeit verzichtet, den S-Bahnverkehr auszuschreiben und in einem Verkehrsvertrag wesentliche Qualitätsanforderungen festzulegen. Stattdessen vergab Berlin den Auftrag direkt an die Deutsche Bahn, ohne ausreichende Leistungsbeschreibung.

Drittens ist die Privatisierungsfrage zu klären, die seit dem gescheiterten Börsengang auf Eis liegt. Meiner Auffassung nach muss das Schienennetz in öffentlicher Hand bleiben. Dagegen könnte es für alle Seiten von Vorteil sein, die Verkehrssparten der Deutschen Bahn zu privatisieren. Sie agieren ohnehin längst wie ein privates Unternehmen.

Wettbewerb alleine ist natürlich kein Heilsbringer. Nur ein Beispiel: Es hilft dem Fahrgast wenig, wenn viele unterschiedliche Wettbewerber eine Strecke bedienen, jeder Anbieter aber ein eigenes Tarifsystem und eigene Fahrkartenautomaten hat. Es braucht hier einen regulativen Rahmen, der die Anbieter auf ein einheitliches System verpflichtet.

Dennoch bietet Wettbewerb die Chance, die Bahn insgesamt attraktiver zu machen. Auch unter Klimagesichtspunkten wäre das ein Erfolg. In diesem Sinne wüsche ich eine gute Fahrt!

Ihr

— Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV)

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