Wenn Sport der Spiegel der Gesellschaft ist, und wenn Fußball dabei der Tagesspiegel ist, dann war Michael Ballack das ideale Gesicht hinter der Mattscheibe, in der sich die Gesellschaft anhand ihrer Stars selbst erkennt. Der in Chemnitz entdeckten Fußballer aus Karl-Marx-Stadt spielte sich nach oben, also tief hinein in den Westen, und löste doch die Frage aus, ob Ostdeutsche wirklich führen können – eine Frage, die Angela Merkel trotz gegenteiliger Fakten heute noch gestellt wird.
Später dann war Ballack eine Chiffre für das glatte Gegenteil: der Anhängigkeit eines Kollektivs, das sich jetzt Team nennt, von einer Person – ihrem Kopf, ihrem Können. Wie oft riss Ballack allein alles raus, und wie allzu oft verließen sich die anderen darauf?
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Beim Sommernachtsmärchentraum 2006 tauchte dann die nächste Frage auf: Geht’s auch ohne Macker? Gerhard Schröder war gerade abgewählt; und Ballack, der keine Lust hatte, einen dritten Platz zu feiern, wurde von seinen Gefolgsleuten überstimmt - hinter Poldi und Schweini tanzte er auf der Berliner Fanmeile hinterher.
Ballack hatte die Stimmung unterschätzt, seine zweite Karrierephase begann: Er nahm sich desto wichtiger, umso weniger wichtig ihn die anderen nahmen. Bundestrainer Joachim Löw ließ ihn aussortieren durch die faktische Macht des Generationenwechsels, nicht durch die Kraft eigener offener Worte.
Und auch dahinter verbarg sich eine gesellschaftliche Frage: Wie geht Deutschland mit seinen Alten um? Das Gesicht, das Michael Ballack im Spiegel sah, war nicht mehr das, das die meisten anderen um ihn herum in ihm sahen. Es ist gut, dass Ballack seine Karriere nun selbst abblendet, bevor er zum deutschen Ailton wird. Denn das hat ein Großer wie er, eine Fast-Legende auf dem Platz, nicht verdient.
Der dritte Satz von Franz Schuberts unvollendeter Sinfonie bricht unvermittelt ab. Übrig bleiben ein paar Töne ohne Ziel und die Erinnerung daran, etwas Großes erlebt zu haben. Diese Erinnerung an Michael Ballack wird bleiben.
- Michael Ballack: Rasant, pompös, schleppend
- Er nahm sich desto wichtiger, je weniger wichtig ihn die anderen nahmen
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