Würdigung einer Fast-Legende : Michael Ballack: Rasant, pompös, schleppend

02.10.2012 21:38 Uhrvon
  • Das Abschiedsspiel von Michael Ballack soll am 5. Juni in Leipzig auch zum öffentlichen Friedenschließen mit Bundestrainer Joachim Löw dienen. Das Motto der Veranstaltung lautet: "Ciao Capitano". Sehen Sie hier die Stationen der Karriere von Michael Ballack in Bildern. Foto: dpa
    Das Abschiedsspiel von Michael Ballack soll am 5. Juni in Leipzig auch zum öffentlichen Friedenschließen mit Bundestrainer Joachim Löw dienen. Das Motto der Veranstaltung lautet:... - Foto: dpa
  • In Sachsen begann die Fußballkarriere des gebürtigen Görlitzers Michael Ballack, hier soll sie auch enden. Anfang 2013 hat Ballack in Chemnitz, der Stadt seines ersten Profiklubs, an einem Hallenturnier teilgenommen. Foto: dpa
    In Sachsen begann die Fußballkarriere des gebürtigen Görlitzers Michael Ballack, hier soll sie auch enden. Anfang 2013 hat Ballack in Chemnitz, der Stadt seines ersten Profiklubs,... - Foto: dpa
  • Kindheit und Jugend im Osten: Michael Ballack begann seine Karriere beim Chemnitzer FC, bevor Otto Rehagel ihn 1997 zum soeben in die Bundesliga aufgestiegenen 1. FC Kaiserslautern holte. Dort war Ballack am sensationellen Meisterschaftsgewinn beteiligt, der dem FC als erstem Aufsteiger in der Geschichte der Bundesliga gelang. Foto: dpa
    Kindheit und Jugend im Osten: Michael Ballack begann seine Karriere beim Chemnitzer FC, bevor Otto Rehagel ihn 1997 zum soeben in die Bundesliga aufgestiegenen 1. FC Kaiserslautern... - Foto: dpa

Immer kurz vor der Krönung, ohne den letzten Schritt zu schaffen: Robert Ide würdigt die Fast-Legende Michael Ballack nach dessen Rückzug vom aktiven Sport.

Die Unvollendete, die berühmteste Sinfonie von Franz Schubert, umfasst zwei Sätze. Einen schwungvollen ersten mit rasanten Themenwechseln und Temposprüngen, und einen zweiten eher pompöserer und doch irgendwie schleppender Art. Der Unvollendete, der berühmteste deutsche Fußballer der Neuzeit, hat in seiner Karriere diese beiden Phasen ebenfalls durchlebt. Das Finale furioso ist dem furiosen Michael Ballack, der nun seine Schuhe aus dem Spind wirft, verwehrt geblieben.

Der deutsche Fußball der Neuzeit, also jener nach der vollzogenen (wenn auch kaum geglückten) Spielvereinigung aus Ost und West, trägt eine stille Tragik in sich.

Es ist die Tragik des Michael Ballack. Deutschland spielt schön und kombiniert unter Anleitung von Bundestrainer Joachim Löw wieder zügig und mit Zug, Deutschland kann schuften, wenn es drauf ankommt und hat auch mal Glück, wenn es ins Elfmeterschießen geht; aber dass am Ende immer die Deutschen gewinnen, kann man seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr behaupten.

Sogar der letzte EM-Titel 1996 zählt in den Köpfen und Herzen vieler Fans nur halb, denn damals pflügten die Mannen mit dem Bundesadler auf der Brust noch an Berti Vogts' Terrierleine über den Platz. Der 1990 in stillem Titeltriumph über den Rasen synfonierenden Franz Beckenbauer bleibt deshalb der letzte Fußballheld aller Generationen; der allseitig vorbereitende, verwandelnde, freistoßende und schnellfußige Michael Ballack stand immer kurz vor dieser Krönung. Doch er hat trotz aller erzwungenen Siege den letzten Schritt zur Legende nicht geschafft (vielleicht auch deshalb, weil er darüber seine Leichtigkeit verlor) – die deutsche Nationalmannschaft, die lange so sehr an seinen Beinen hing und sich bei der WM 2010 mit jugendlicher Leichtigkeit von ihm emanzipierte, teilt Ballacks Schicksal. Das ist natürlich nicht weiter schlimm – schlimm war der Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke -, aber es ist doch schade und nicht nur für Fans des synthetischen Leders ein Grund zum Grübeln.

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